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Heute möchte ich euch das mittelalterliche Versepos Willehalm näherbringen. Wolfram von Eschenbach (gest. um 1220) beschreibt darin vor dem Hintergrund des Abwehrkampfes gegen die Sarazenen die Liebe zwischen dem christlichen Ritter Willehalm und Arabel, der Tochter des muslimischen Königs Terramer. Eine Besonderheit des Willehalm ist, dass der Krieg nicht verherrlicht und weder Christen noch Muslime als eindeutig gut oder böse darsgestellt werden, sondern es wird vor allem das durch den Krieg verursachte sinnlose Leid betont. Als Vorlage dienten dem Dichter Wolfram Texte aus der altfranzösischen literarischen Tradition.

In diesem Zusammenhang möchte ich euch ein Buch empfehlen, in dem der Stoff des Willehalm auf leicht zugängliche Weise nacherzählt wird. Und zwar hat die Autorin Gudrun Opladen das Buch Willehalm und Arabel * geschrieben, in dem sie sowohl die Kriegshandlungen als auch die Liebe zwischen Willehalm und Arabel schildert. Eine originalgetreue Übertragung des mhd. Textes bietet hingegen die Ausgabe von Joachim Heinzle *. Auch diese kann ich empfehlen.

Historischer Hintergrund

Im Zuge der Islamischen Expansion, die im 7. Jh. von der Arabischen Halbinsel ausgehend begann, eroberten muslimische Heere auch Teile der Iberischen Halbinsel. Sie begründeten im Jahr 711 die Provinz al-Andalus mit der Hauptstadt Córdoba. In der Folgezeit unterwarfen die Muslime auch die Region südlich der Loire im heutigen Frankreich. Es kam weiterhin zu Kämpfen zwischen Arabern und verschiedenen christlichen Parteien, an denen auch der fränkische Hausmeier Karl Martell beteiligt war. In der Schlacht von Tours und Poitiers im Jahr 732 besiegte er mit seinen Franken sowie langobardischen, sächsischen und friesischen Truppen die Araber, deren Heerführer Abd ar-Rahman in der Schlacht fiel. Auch danach drangen immer wieder Heere aus dem muslimisch beherrschten Spanien nach Westen vor und eroberten im 10. Jh. zeitweise die Schweiz, Savoyen und die Provence.

Während der Herrschaft der Muslime erlebte die Iberische Halbinsel eine kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit. Christen und Juden konnten ihre Religion ausüben, mussten jedoch eine spezielle Steuer zahlen. Im Jahr 1492 endete die Herrschaft der Muslime.

Literarisch verarbeitet wurden die Kämpfe zwischen Muslimen und Christen unter anderem in zwei mittelhochdeutschen Verserzählungen, dem Rolandslied des Pfaffen Konrad (12. Jh.) und dem Willehalm Wolframs von Eschenbach. Im Rolandslied wird der Kampf der Franken unter Karl dem Großen gegen die Sarazenen behandelt. Als Vorlage nutzte Konrad die altfranzösische Chanson de Roland.

Die Figur des Willehalm geht auf den Grafen Wilhelm von Aquitanien zurück, der im Jahr 812 starb. In dem ihm gewidmenten altfranzösischen Epenzyklus wird er als Guillaume d'Orange bezeichnet. Ein Teil davon, die Chanson de geste Aliscans, diente Wolfram von Eschenbach als Vorlage für seinen Willehalm. Diese erhielt er vermutlich von Landgraf Hermann von Thüringen (gest. 1217). Wolfram gestaltete die wenig ausgefeilte frz. Vorlage mit allen Mitteln der Erzählkunst um.

Zum Inhalt des Willehalm

Willehalm, der Markgraf der Provence, verteidigt das Land gegen die einfallenden Sarazenen unter König Terramer. Zuvor war Willehalm in Arabien gefangen, konnte jedoch fliehen, zusammen mit Terramers Tochter Arabel, die sich in ihn verliebt hatte. Arabel wurde seine Ehefrau und nahm den christlichen Glauben sowie den Namen Gyburc an. Terramer und Arabels erster Mann Tybalt wollen Rache. Sie sind mit ihren Schiffen an der Küste der Provence gelandet und greifen an. Willehalm und Gyburc verteidigen ihr Land und ihre Burg Alischanz.

Anfang von Wolframs Willehalm, Handschrift aus dem 14. Jh.
Anfang von Wolframs Willehalm, Handschrift aus dem 14. Jh.

Es kommt zu blutigen Schlachten, auf beiden Seiten sterben zahlreiche Menschen, darunter Verwandte Willehalms und Arabels. Auch die Sieger erleiden schwere Verluste.

Im Willehalm werden weder die Christen noch die Muslime als eindeutig gut oder böse dargestellt. Zwar führt Arabels Vater Terramer einen Angriffskrieg, aber dieser wurde dadurch ausgelöst, dass seine Tochter ihren Mann Tybalt verließ, um mit dem christlichen Ritter Willehalm zu leben. Willehalms Verteidigung erscheint zwar als gerechte Sache, muss aber mit hohen Verlusten bezahlt werden.

Entsprechend wählt Gudrun Opladen als Motto ein Zitat aus dem mhd. Text, das das Leid aller Beteiligten treffend wiedergibt:

ein herze, daz von vlinse
im donre gewahsen waere,
daz müete disiu maere.

In der nhd. Übersetzung lauten diese Zeilen:

Selbst ein im Donner zu
Stein erstarrtes Herz
müsste diese Geschichte erweichen.

Am Ende der Erzählung äußert Gyburc den Gedanken der christlichen Schonung des Feindes, zunächst aufgrund Sippenverwandtschaft mit zahlreichen Heiden. Dieser wird erweitert zu dem Gedanken, dass alle Menschen Kinder Gottes sind und jede Liebe ein Abbild der göttlichen Liebe ist. Willehalm schließt sich dem an und ist zur Versöhnung bereit.

Der Willehalm steht mit dieser toleranten Einstellung im Gegensatz zum Rolandslied: Dort war der Krieg gegen die Muslime problemlos als Sieg des Christentums über die teuflischen Heiden gedeutet worden.

Eine Kuriosität ist übrigens die mittelalterliche christliche Vorstellung, die Muslime würden drei Götter verehren. Im Willehalm sind dies Mohammed, Tervagant und Apoll. Woher der Name Tervagant kommt, ist nicht bekannt. Tatsächlich verehren die Muslime nur einen Gott und interpretieren den Monotheismus sogar noch strenger im Sinne einer Einheit Gottes als die Christen, die eine Dreifaltigkeit Gottes annehmen.

Verwendete Literatur:

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muot mit Bedeutungen wie „Seele, Geist, Gesinnung, Mut usw.“ ist zuerst im 8. Jh. im Althochdeutschen bezeugt. Dem Wort liegt germanisch *mōþa- „Sinn, Mut, Zorn u. a.“ zugrunde. Im germanischen Sprachraum ist es mit gotisch moþs, altnordisch módr, aengl. mōd, engl. mood „Stimmung, Laune“ verwandt. Möglicherweise gehört es zu lat. mōs „Sitte“ und griech. mōmai „ich strebe, trachte, begehre“.

Im Hochmittelalter war muot ein wichtiger Begriff für die Kultur des Rittertums. Der hôhe muot gilt als höchster Wert für das Rittertum der Stauferzeit. ...weiterlesen "Wortgeschichte(n): Mut"

Ich war nun schon seit längerer Zeit nicht mehr hier im Blog aktiv. Das soll sich ändern, es wird in Zukunft wieder neue Beiträge geben. Wie regelmäßig das sein wird, kann ich allerdings noch nicht sagen. Heute beginne ich mit einem Beitrag über Redewendungen.

Zahlreiche alte Redewendungen, von denen viele bereits im Mittelalter geprägt wurden, beziehen sich auf Tiere. Die Redensart auf der Bärenhaut liegen mit der Bedeutung „faulenzen“ wurde durch Humanisten geprägt (und stammt damit streng genommen nicht aus dem Mittelalter). Sie ist zuerst 1509 in Heinrich Bebels Facetien bezeugt. ...weiterlesen "Redewendungen aus dem Mittelalter: Tierisches"

Mit dem Begriff Minne wird heute meist die höfische Liebe (hôhe minne) bezeichnet, die in zahlreichen Minneliedern besungene, unerfüllte Sehnsucht eines Ritters nach der unerreichbaren Dame (vrouwe). Im Mittelalter hingegen wurde nicht nur die höfische Liebe minne genannt, sondern der Begriff umfasste verschiedene Phänomene der Zuneigung, von oberflächlicher Freundlichkeit bis zu religiöser Ekstase. ...weiterlesen "Wortgeschichte(n): Minne und Liebe"

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Einige Redewendungen im Deutschen wie mit Kind und Kegel oder mit Haut und Haar sind stabreimende Formeln. Stabreime (Alliterationen) wurden gern bei der Bildung von Redensarten genutzt, und das nicht nur in germanischer Zeit, als der Stabreim ein Bestandteil der Dichtkunst war, sondern auch noch im Mittelalter und in der Neuzeit.

Mit Kind und Kegel bedeutet „mit der ganzen Familie“. Kegel steht dabei für „uneheliches Kind“, die ganze Redewendung heißt dann also „mit ehelichen und unehelichen Kindern“. ...weiterlesen "Redewendungen aus dem Mittelalter: Stabreimende Formeln"

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Was sind Runen?

Runenstein in Wedel (Holstein)
Runenstein in Wedel (Holstein) © Bullenwächter - CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

Runen sind die Schriftzeichen der Germanen. Sie wurden ungefähr ab dem Jahr 200 n. Chr. bis zum Mittelalter genutzt. Das Wort Rune mit der Bedeutung „Schriftzeichen“ ist allerdings eine Neubildung aus dem 17. Jh., die zuerst in Skandinavien geprägt wurde. Dieses Wort kommt bereits in den älteren germanischen Einzelsprachen vor, z.B. gotisch rūna, althochdeutsch rūna(stab), altnordisch rún und mittelhochdeutsch rŭne, und zwar mit der Grundbedeutung „Geheimnis“. ...weiterlesen "Die Runen – germanische Schriftzeichen"

Über die mittelhochdeutsche Sprache habe ich bereits einiges geschrieben. In diesem Artikel möchte ich dir ein paar Tipps geben, wie du selbst Mittelhochdeutsch lernen kannst, z.B. weil du es im Studium musst oder dich einfach dafür interessierst. ...weiterlesen "Mittelhochdeutsch lernen"

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