Juden im Mittelalter – Teil 2: Die Judenverfolgungen ab 1096

Im zweiten Teil meiner Serie mit Schwerpunkt Franken bzw. Würzburg gehe ich auf die großen Judenverfolgungen seit dem ersten Kreuzzug (1096-99) bis zur Pestepidemie Mitte des 14. Jh. ein. Pogrome fanden in Würzburg hauptsächlich während des zweiten Kreuzzuges (1147) und 1298 sowie 1349 statt. Über die allgemeinen Rahmenbedingungen, unter denen die Juden im Mittelalter lebten, und über die 150 Jahre währende Blütezeit der Würzburger Gemeinde zwischen den Verfolgungswellen habe ich bereits im ersten Teil geschrieben.

Der erste Kreuzzug

Von Judenverfolgungen während des ersten Kreuzzuges war Würzburg nicht betroffen, da es damals noch keine Juden in der Stadt gab. Vor allem im Rheinland kam es zu Angriffen auf jüdische Gemeinden, bei denen unter anderem in Worms 800 und in Mainz über 1000 Personen ermordet wurden. Die christliche Mehrheitsbevölkerung war aufgehetzt durch die Kreuzzugs-Predigten der Geistlichen. Außer den Ritterheeren, die ins Heilige Land zogen, rotteten sich auch Menschen aus den Unterschichten zusammen, um im eigenen Land gegen die „Ungläubigen“ vorzugehen. Infolge der Ausschreitungen flohen viele Juden aus dem Rheinland und ließen sich vermutlich unter anderem in Würzburg nieder.

Der zweite Kreuzzug

Im Jahr 1144 rief Papst Eugen II. zu einem zweiten Kreuzzug auf, da die Grafschaft Edessa als wichtiger Kreuzfahrerstaat verloren gegangen war. Auch der Zisterziensermönch Bernhard von Clairveaux predigte den Kreuzzug, warnte aber vor Judenverfolgungen. Der Mönch Radulf, der aus demselben Kloster wie Bernhard stammte, stachelte jedoch die Menschen in den Städten am Rhein zu Pogromen auf. Die Verfolgungen breiteten sich auch in der Gegend am Main aus und ergriffen große Teile Deutschlands. Da König Konrad III. den Schutz der Juden ernst nahm und seinen Burggrafen befahl, allen verfolgten Juden Asyl zu bieten, konnten sich die meisten in die Kaiserpfalzen und in die Burgen der Ritter retten.

Der bekannte Prediger Bernhard von Clairveaux (um 1090-1153) reiste nach Mainz und ging gegen Radulf vor. Es gelang ihm nur mit Mühe, die aufgehetzte Menge zu beruhigen.

Der Würzburger Bischof Siegfried von Truhendingen war den Juden gegenüber wohlgesonnen, deshalb glaubten die hier lebenden Juden, sicher zu sein. Allerdings kamen zu Beginn des Jahres 1147 große Kreuzfahrerscharen in die Stadt. Gleichzeitig wurde die zerstückelte Leiche eines jungen Mannes gefunden und es kamen Gerüchte auf, die Juden hätten ihn getötet. Infolgedessen fielen die Kreuzfahrer zusammen mit einem Teil der Bevölkerung über die Juden her.

Mehrere Juden ließen sich taufen, um ihr Leben zu retten, andere flohen in eine Festung oder in die Höfe ihrer Nachbarn, einige wurden vom Bischof gerettet. Dieser geriet in Lebensgefahr, als er sich weigerte, den ermordeten jungen Mann heiligzusprechen. Er flüchtete vor der Menge, die ihn steinigen wollte, in einen Turm.

Dem Bischof gelang es nicht, alle Juden zu schützen. Er ließ die Getöteten jedoch in seinem Garten in der Vorstadt Pleich begraben. Später kauften Rabbi Chiskija, Sohn des Rabbi Eljakim, und seine Frau Judith den Garten. Er wurde als Friedhof genutzt, bis Julius von Echter dort 1576-1585 das Juliusspital errichten ließ.

Am 26. Februar 1147 verließen die Kreuzfahrer Würzburg. Viele Zwangsgetaufte traten wieder zum Judentum über. Vermutlich kehrten viele der Geflüchteten in die Stadt zurück.

(Relativer) Schutz der Juden durch König und Papst

Als 1187/88 im Vorfeld des dritten Kreuzzuges wieder Judenverfolgungen drohten, konnte der tolerante und gebildete Stauferkaiser Friedrich Barbarossa Massenausschreitungen verhindern. Er verfügte die Todesstrafe gegen jeden, der einen Juden ermordete. Es kam jedoch zu einzelnen Verfolgungen, da auch die Bischöfe und Burggrafen im Sinne des Kaisers handeln mussten, ansonsten war ein Schutz der Juden nicht garantiert.

Im Jahre 1144 kam zuerst in England das Gerücht auf, Juden würden zur Verspottung Christi Kinder kreuzigen und deren Blut zur Feier des Pessachfestes und als Medizin verwenden. Diese Verdächtigungen verbreiteten sich auch in Frankreich und Deutschland. Erstmals kamen diese Beschuldigungen in Deutschland 1234 in Lauda und Tauberbischofsheim auf. Die Folge war ein Massaker an den Juden beider Städte. Am heiligen Abend desselben Jahres ereignete sich in Fulda ein Brandfall, bei dem die Kinder einer Müllerfamilie starben. Zwei Juden „gestanden“ unter der Folter und 34 Juden wurden hingerichtet. Seitdem wurde in Deutschland immer wieder der Vorwurf des rituellen Christenmordes gegenüber den Juden erhoben.

Friedrich Barbarossa ließ ein Gutachten erstellen, dass die Juden unschuldig waren, da ihnen aufgrund ihrer Religion der Umgang mit Blut verboten ist. Der Kaiser sprach daraufhin alle Juden vom Vorwurf des Ritualmordes frei, was allerdings keine Wirkung zeigt. Auch Papst Innozenz untersagte im Jahr 1247 Blutbeschuldigungen gegenüber den Juden.

1253 griffen Christen in Würzburg ihre jüdischen Mitbürger aufgrund des angeblichen Fuldaer Ritualmordes an. Im Jahr 1288 verpflichten sich dann jedoch die Würzburger Bürger zum Schutz der Juden. Diese mussten dafür allerdings 1500 Mark Silber bezahlen.

Die Rintfleisch-Verfolgung

Rudolf von Habsburg bestieg 1273 den Thron des deutschen Königs. Ihm lag der Judenschutz nicht besonders am Herzen, sondern er betrachtete sie vor allem als Objekte der Ausbeutung, um die Reichskasse zu füllen. Während seiner Regierung wurden Juden aus Handwerkerzünften und Handelsgilden ausgeschlossen. Ebenso wurde ihnen die Emigration ins Ausland verboten. Kredit- und Zinsgeschäfte blieben ihnen als fast einzige Einnahmequelle.

Gegen Ende des 13. Jh. kam in Frankreich ein neues Gerücht auf: Juden würden angeblich die Hostie, die nach katholischer Lehre im Gottesdienst in den Leib Christi verwandelt wird, mit einem Messer durchbohren. 1298 sollen Juden in Röttingen südlich von Würzburg eine Hostie geschändet haben. Im Sommer des Jahres entwickelte sich aus diesem angeblichen Hostienfrevel eine große Volksbewegung, die ganz Franken erfasste.

Ein Adeliger namens Rintfleisch, der Schulden bei Juden hatte, predigte den Judenmord. Infolgedessen wurden in Röttingen 21 Juden getötet. In vielen Städten in Franken wurden Juden ermordet, am schwersten waren die Würzburger Juden betroffen. Dort begann am 23. Juli 1298 die Verfolgung, die die Blütezeit der Würzburger Gemeinde beendete. Über 900 Menschen starben, darunter 100 Fremde, die aus den Nachbargemeinden hierher geflohen waren.

Darstellung eines Pogroms in der Schedelschen Weltchronik von 1493
Darstellung eines Pogroms in der Schedelschen Weltchronik (1493). Im Text auf der rechten Seite wird der Pogrom im niederbayrischen Deggendorf im Jahr 1337 beschrieben, der Grund war eine angebliche Hostienschändung.

Der Armleder-Pogrom

Durch Zuzug von außen wuchs die Gemeinde in der Folgezeit wieder an. Bischof Otto II. von Wolfskeel 1336, der Schulden bei mehreren Juden hatte, bat Papst Benedikt XII., für ihn eine Schuldentilgung zu verfügen. Obwohl der Papst gar nicht dafür zuständig war, gewährte er diese.

Ein Ritter Arnold von Uissigheim, wegen seiner ärmlichen Panzerung „Armleder“ genannt, kam auf die Idee, ebenfalls von solch schneller Schuldentilgung profitieren zu wollen. Er hetzte Bauern auf, die aus Richtung Ochsenfurt nach Kitzingen und Würzburg zogen, um die Herausgabe der Schuldscheine zu verlangen.

In Kitzingen versuchten der Rat und die Oberschicht, die Juden zu schützen. Allerdings sympathisierte die städtische Unterschicht mit den heranziehenden Bauern und öffnete ihnen die Tore. Die jüdische Gemeinde wurde in einem Blutbad vernichtet.

Die Würzburger warteten nicht, bis die Aufrührer in ihre Stadt kamen, sondern zogen ihnen am Main entlang bis Kleinochsenfurt (heute ein Stadtteil von Ochsenfurt) entgegen. Sie besiegten die Bauernhaufen und töteten viele, 47 Personen wurden gefangen genommen, der Rest entkam. Der Anführer Arnold von Uissigheim wurde hingerichtet.

Pogrome Mitte des 14. Jahrhunderts

Mitte des 14. Jh. kam es in Europa zu einer großen Pestepidemie. Ihr fiel ein Viertel, wenn nicht sogar ein Drittel der Bevölkerung zum Opfer. Italienische Handelsschiffe hatten den Pesterreger von den Krimtataren mitgebracht. Erst im 18. Jh. entdeckte man, dass Flöhe die Pest übertragen.

Im Mittelalter wussten die Menschen all dies nicht. Sie konnten sich das Massensterben nicht erklären und dachten an vergiftete Brunnen, eine göttliche Strafe für ihre Sünden oder Hexerei. Ein Jude aus Frankreich „gestand“ unter der Folter, er habe sich mit anderen Juden verschworen, die Pest über ganz Europa zu verbreiten. Sie hätten mit einem Sud aus Spinnen, Fröschen, Christenherzen und geweihten Hostien die Brunnen vergiftet. In diesem „Geständnis“ sind alle mittelalterlichen Vorurteile von Christen gegenüber Juden vereinigt: „Ritualmord“, „Hostienfrevel“ und Brunnenvergiftung.

An vielen Orten wurden Juden hingerichtet, unter anderem in Schaffhausen, Zürich, Konstanz und Straßburg. Kaiser Karl IV. und Papst Clemens VI. versuchten vergeblich, gegen die Massenhysterie vorzugehen. Geißlerscharen zogen umher und glaubten, sich von ihren Sünden zu reinigen und dem Strafgericht zu entgehen, indem sie sich selbst geißelten. In manchen Städten waren die Bürger bereit, die Juden zu verteidigen, aber sie konnten sich nicht gegen die abergläubischen Massen nicht durchsetzen. In dieser verzeifelten Situation begingen viele Juden Selbstmord. Bis zum Ende der Pestepidemie 1351 waren 210 jüdische Gemeinden am Rhein untergegangen.

Geißlerdarstellung in der Konstanzer Weltchronik
Geißlerdarstellung in der Konstanzer Weltchronik (15. Jh.)

Die Würzburger hatten um die Jahreswende 1348/49 noch keine klare Meinung zu den Gerüchten um die Brunnenvergiftungen durch die Juden. Die Pest war in der Stadt noch nicht ausgebrochen. Der Rat wandte sich in dieser Situation an mehrere Städte mit der Bitte um Auskunft. Sie erhielten unterschiedliche Antworten. Einige Städte schrieben beschwichtigende Briefe, z.B. Heilbronn, in anderen Orten wie dem badischen Breisach glaubte man an die jüdische Brunnenvergiftung. Im April 1349 näherten sich Geißlerscharen der Stadt und die Stimmung schlug zuungunsten der Juden um.

In der Nacht vom 20. zum 21. April ermordeten die Würzburger Christen ihre jüdischen Mitbürger. Es wird angenommen, dass niemand mit dem Leben davonkam. Dies war das vorläufige Ende der jüdischen Gemeinde in Würzburg. In der Literatur wird in diesem Zusammenhang häufig von einem Massenselbstmord der Würzburger Juden gesprochen, was jedoch in der neueren Forschung (Müller 2004) angezweifelt wird.

Die Pest erreichte Würzburg 1349 gar nicht, sondern erst 1356 und noch einmal 1363.

Die Hauptsynagoge wurde durch Christen zerstört und an ihrer Stelle wurde später die Marienkapelle errichtet, die sich heute noch dort befindet. In den 1970er-Jahren entdeckte man unter der Sakristei einen Raum, der möglicherweise als Mikwe, als rituelles Tauchbad der Juden, diente.

Verwendete Literatur:

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