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Kindheit im Mittelalter Teil 1: Vorstellungen von Kindheit und Kindern im Mittelalter

Ursprünglich wollte ich nur einen einzelnen Beitrag über die Kindheit im Mittelalter schreiben und dabei auf das Wichtigste eingehen. Beim Recherchieren wurde mir aber schnell klar, dass das Thema viele Facetten hat – positive wie negative –, denen ich gerne nachgehen würde. Inzwischen habe ich genügend Stoff für 6-7 Beiträge. Diese werde ich in den nächsten Wochen nach und nach posten, z. B. über Meinungen zur Zeugung von Kindern, über Kinderspiele, zur Kindheit in der Stadt und auf dem Land, aber auch über Kindesmisshandlungen. Hier im ersten Teil geht es ganz allgemein um mittelalterliche Vorstellungen von Kindern und Kindheit.

Spielende Kinder. Buchmalerei aus dem alchemistischen Manuskript Splendor Solis (zwischen 1532 und 1535).
Spielende Kinder. Buchmalerei aus dem alchemistischen Manuskript Splendor Solis (zwischen 1532 und 1535).

Das Bild des Kindes war im Mittelalter ambivalent. Kinder wurden einerseits positiv und andererseits negativ gesehen. Viele Autoren übernahmen die Ansicht des Augustinus von Hippo (345-430), Kinder seien in Sünde geboren, und sie seien triebhaft, aufdringlich, eifersüchtig, aggressiv und zornig. Andere mittelalterliche Autoren betonten nach dem Vorbild des Aristoteles eher die Hilflosigkeit, Unvollkommenheit und Unwissenheit der Kinder. Das Bild der Kindheit entsprach dem pessimistischen Menschenbild des Mittelalters: Das Leben galt als Jammertal, als traurig, nichtig, sündhaft und elend. Ein besonders radikales Beispiel für diese Ansicht ist der Traktat Über die Verachtung der Welt (De contemptu mundi) von Papst Innozenz III. (1160/1161-1216).

Mittelalterliche Autoren beschrieben aber auch positive Aspekte der Kindheit. Dabei wird die Reinheit und Unschuld der Kinder betont. Einige Autoren des Hochmittelalters beriefen sich auf folgende Bibelstelle:

Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen. Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte. Und wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf (Mt 18,3-5).

Kinder galten vor allem deshalb als unschuldig, weil sie weder sexuelle Lust noch die Bedeutung des Todes kennen. Zudem kennen sie keine Lügen und keine Heuchelei. Deshalb entstand der Brauch, dass Kinder bei religiösen Prozessionen die Spitze des Zuges bildeten.

Mittelalterliche Autoren waren durchaus in der Lage, die körperliche und seelische Entwicklung eines Kindes realistisch darzustellen. Dies wird am Beispiel des kleinen Parzival in dem Roman Wolframs von Eschenbach deutlich. In der höfischen Epik handeln Kinder jedoch oft wie Erwachsene, da es vor hier allem darum ging, die möglichst früh erkennbare Entwicklung zum Helden zu zeigen. Auch in Heiligenviten wird oft gezeigt, dass der oder die Heilige sich wie ein kleiner Erwachsener verhält. Dabei handelt es sich jedoch nicht um gewöhnliche Kinder, sondern hier wurde das Außergewöhnliche an dem betreffenden Helden bzw. Heiligen betont.

Verwendete Literatur:

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