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Kindheit im Mittelalter Teil 6: Kindersterblichkeit und Kindestötung

Meiner Meinung nach sollte man das Thema Kindheit im Mittelalter nicht romantisieren, denn diese hatte auch negative Seiten. Zur weit verbreiteten Kinderarbeit kamen die hohe Kindersterblichkeit hinzu sowie das hohe Risiko der Frauen, im Kindbett zu sterben. Die Abstände zwischen den Geburten waren zwar niedrig und viele Frauen gebaren eine hohe Anzahl an Kindern, von denen jedoch nicht alle das Erwachsenenalter erreichten. Viele Kinder starben an Kinderkrankheiten. Selbst in der Oberschicht, die sich die beste ärztliche Versorgung leisten konnte, die damals verfügbar war, starben immer wieder Kinder.

Aufgrund der allgemein hohen Sterblichkeit heirateten häufig Witwen und Witwer. Deren Kinder, Stiefkinder und häufig auch die unehelichen Kinder lebten im selben Haushalt zusammen. Hinzu kamen oft noch minderjährige Lehrlinge und Dienstmädchen.

Da Skelette von Kindern im Boden meist schnell vergehen, ist nur schwer in Zahlen nachzuweisen, wie hoch die Kindersterblichkeit tatsächlich war. Die Ausgrabung eines zwischen 1100 und 1350 genutzten Friedhofs bei Västerhus in Nordschweden zeigt, dass 50,3 % der bestatteten Kinder das siebte Lebensjahr nicht erreicht hatten. 31,04 % waren bereits innerhalb des ersten Lebensjahres gestorben. Eventuell konnte jedoch ein Teil der Erwachsenengräber nicht aufgedeckt werden und die Kindergräber sind überrepräsentiert. In Schweden kommt hinzu, dass vermutlich die ungünstigen klimatischen Bedingungen für einen Teil der Todesfälle unter Kindern verantwortlich sind.

Dies ist bei einem Reihengräberfeld vom Ende des zehnten bis in die Mitte des zwölften Jahrhunderts bei Espenfeld (Kreis Arnstadt) in Thüringen nicht der Fall. Dort errechneten Archäologen einen Anteil von 36,7 % Kindern bis zum Alter von 13 Jahren. 12,7 % waren unter einem Jahr alt.

In Espenfeld zeigte sich, dass die Sterblichkeit bei jungen Frauen ebenfalls sehr hoch war. Diese steigt von 6 % bei Jugendlichen schlagartig auf 24 % bei Frauen zwischen 20 und 29 Jahren an. Zweifellos ereigneten sich viele dieser Todesfälle im Wochenbett.

Insgesamt lag die Sterblichkeit bei Säuglingen um 10 % und bei Kindern bis 13 Jahren bei mindestens 40 %. Einige Forscher vermuteten, dass die Eltern aufgrund der hohen Sterblichkeit um ihre toten Kinder kaum trauerten. Ausgrabungen zeigen jedoch das Gegenteil: Die verstorbenen Kinder wurden im Familienverband auf dem Dorffriedhof bestattet, mit zum Teil sorgfältigen Steinsetzungen und -einfassungen. Darin wird die Wertschätzung für das verstorbene Kind deutlich. Im späten Mittelalter wurde auch der antike Brauch wiederbelebt, für verstorbene Kinder wieder Grabdenkmäler zu errichten. Zudem war der Auslöser für viele Pogrome an Juden die Ritualmordlegende an christlichen Kindern. So grausam dies gegenüber den Menschen jüdischen Glaubens auch ist, kommt darin zumindest die Sorge der christlichen Eltern um ihre Kinder zum Ausdruck.

Klagen von Eltern um ihre verstorbenen Kinder sind auch in der Literatur überliefert. So schrieb Frau Ava, die im 12. Jahrhundert lebte, am Ende ihres Gedichtes über das Jüngste Gericht:

Dieses Buch dichtete zweier Kinder Mutter.
Die sagten ihr diesen Sinn. Große Freude war unter ihnen.
Der Mutter waren die Kinder lieb, der eine von der Welt schied.
Nun bitte ich euch alle, Große und Kleine,
Wer auch immer dieses Buch lese, dass er seiner Seele Gnaden wünschend sei.
Und dem einen, der noch lebt und der in den Arbeiten strebt,
Dem wünschet Gnaden und (auch) der Mutter, genannt AVA.

Daneben sind weitere Quellen überliefert, anhand derer deutlich wird, wie sehr Eltern auch im Mittelalter um ihre verstorbenen Kinder trauerten.

Das Thema Kind und Tod im Mittelalter hat noch eine andere Seite: Kinder wurden im Mittelalter auch getötet und ausgesetzt. In der Antike und bei germanischen Völkern war die Tötung bzw. Aussetzung von Neugeborenen erlaubt. Davon waren vor allem Mädchen betroffen. Durch den Einfluss des Christentums wurde die Tötung von Kindern nicht mehr akzeptiert. Um Findelkinder kümmerte sich schon früh die Kirche. Seit dem 9. Jahrhundert entstanden in vielen europäischen Städten Institutionen zur Aufnahme von Findelkindern. In Deutschland wurden während des Mittelalters in den meisten Städten Findelhäuser eingerichtet, z. B. in Einbeck (1247), Memmingen (13. Jh.), Köln (1341), Nürnberg (1359) und München (1489).

Das Aussetzen von Kindern war nicht legal. So wurden in Basel und in Straßburg Frauen, die ihre Kinder ausgesetzt hatten, mit Ertränken im Rhein bestraft. Dennoch wird beispielsweise 1482 aus Straßburg berichtet, dass jährlich 6-20 Kinder von ihren Müttern aufgrund von Armut ausgesetzt wurden. Aus Florenz ist bekannt, dass nicht alle Eltern anonym blieben. Häufig gaben sie den Kindern ein Zeichen oder Schmuckstück mit, um sie später identifizieren zu können. Für die Kinder musste eine Amme gefunden werden, häufig Frauen, deren eigenes Kind kurz nach der Geburt gestorben war.

Kindesmorde gab es ebenfalls, obwohl diese mehr oder weniger streng bestraft wurden. Hinzu kam die Gefahr, durch Fahrlässigkeit der Eltern oder am bis heute nicht völlig erklärbaren „plötzlichen Kindstod“ zu sterben. Unfälle durch Feuer oder Wasser, zum Teil aufgrund mangelnder Aufsicht, bedrohten ebenfalls das Leben der Kinder. Wenn ein Kind mit der Mutter im selben Bett schlief, bestand die Gefahr, dass es versehentlich erdrückt wurde. Aus diesem Grund verbot die Kirche es den Eltern, kleine Kinder mit in ihr Bett zu nehmen. Kirchliche Strafandrohungen gegen das Ersticken von Säuglingen im Schlaf gibt es seit dem frühen Mittelalter.

Die weltliche Gesetzgebung widmete sich der Kindestötung jedoch erst in der frühen Neuzeit in größerem Umfang. Ausgenommen davon war die Tötung von Säuglingen durch die Mutter direkt nach der Geburt. Dieser Tatbestand galt im Mittelalter als Mord und wurde mit der Todesstrafe bedroht. Im Mittelalter kamen jedoch nur wenige Fälle von Kindestötung vor Gericht, häufiger war dies im 17. und 18. Jahrhundert.

Verwendete Literatur:

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