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Von den Merowingern zu den Karolingern

Das Königsgeschlecht der Karolinger wurde nach Karl dem Großen (747-814) benannt. Der Ursprung der Karolinger liegt in den Familien der Pippiniden und Arnulfinger. Die mächtigsten Pippiniden waren Hausmeier (d.h. hohe Beamte) der Könige aus dem Geschlecht der Merowinger, die zuvor das Frankenreich regiert hatten. Die Arnulfinger sind Nachkommen des Bischofs Arnulf von Metz, die sich durch Heirat mit den Pippiniden verbanden.

Der Aufstieg der Pippiniden im Reich der Merowinger

Im Umfeld des austrasischen Königshofs und der austrasischen Großen gelang Arnulf von Metz und Pippin dem Älteren im 7. Jh. der Aufstieg. In der Chronik des sogenannten Fredegar schreibt der Autor beiden eine wichtige Rolle bei Clothars II. Kampf um die Alleinherrschaft zu, aus dem Clothar siegreich hervorging. Nach Ansicht von Matthias Becher überschätzt Fredegar dabei jedoch die Rolle Pippins. Offenbar hatte Chlothar vor allem Grund, Arnulf zu belohnen, denn er ernannte ihn im Jahr 614 zum Bischof von Metz. Pippin wurde erst 624/25 Hausmeier in Austrasien, als Clothar seinen Sohn Dagobert zum Unterkönig in Austrasien erhob.

Arnulf und Pippin waren eng befreundet und verfolgten die gleiche Politik. Arnulfs Sohn Ansegisel heiratete Pippins Tochter Begga. Damit verbanden sich die Arnulfinger und Pippiniden (die späteren Karolinger) dauerhaft miteinander.

Statue Pippins des Älteren in Liège
Statue Pippins des Älteren in Liège, 19. Jh. © Kleon3 - CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Pippin war der Erzieher von Dagoberts Sohn Sigibert und taucht 639 in den Quellen wieder als Hausmeier von Austrasien auf. Da der Merowinger Dagobert im selben Jahr starb, führte Pippin die Regierungsgeschäfte für Sigibert. Damit beginnt, aus der Rückschau betrachtet, der Abstieg der Merowinger. Dies war aber von den Zeitgenossen noch nicht abzusehen. Offenbar besaßen die Merowinger im damaligen Frankenreich noch immer eine hohe Bedeutung. Matthias Becher bezeichnet sie als „Galionsfiguren, die die Herrschaft mächtiger Adliger legitimierten“.

Der Sohn Pippins des Älteren, Grimoald, wurde 642/43 Hausmeier in Austrasien. Er hatte Otto, den vorherigen Hausmeier, ermorden lassen. Allerdings wurde Grimoald durch die Neustrier gestürzt. Childebert II. aus Neustrien bestieg auch den austrasischen Thron. Grimoalds Neffe Pippin der Mittlere übernahm die Erbgüter seines Onkels.

Pippin dem Mittleren gelang der Aufstieg im Reich der Merowinger. Dazu trug seine Heirat mit Plectrud bei, der Tochter des mächtigen Adligen Hugobert. Pippin hatte Auseinandersetzungen mit dem neustrischen Hausmeier Ebroin zu bestehen, der jedoch 680 von einem neustrischen Gegner namens Ermenfred ermordet wurde. Nach dem Tod von Ebroins Nachfolger Berchar konnte Pippin seine Macht auch nach Neustrien ausdehnen. Die Rolle der Merowinger beschränkte sich seitdem vor allem auf repräsentative Funktionen.

Pippin der Mittlere

Pippin bemühte sich um eine Stärkung der Zentralgewalt und um ein Zusammenwachsen der unterschiedlichen Reichsteile, die lange verfeindet gewesen waren. Er regierte von Austrasien aus, obwohl die Merowinger in Neustrien residierten. Pippin ließ sich am merowingischen Köngishof durch seinen Getreuen Nordebert vertreten.

Pippins Sohn Drogo wurde 697 dux der Burgunder. Sein jüngerer Sohn Grimoald wurde zum Hausmeier in Neustrien ernannt. Pippin selbst hatte seit 700 die Stellung eines princeps Francorum inne, ein informeller Titel.

Die duces der anderen Völker wie Friesen, Sachsen, Alemannen und Bayern hatten sich mittlerweile an eine gewisse Selbstständigkeit gewöhnt. Sie erkannten allenfalls die nominelle Oberhoheit des fränkischen Königs an. Diesen wollte Pippin den exklusiven Zugang zum König voraushaben. Wichtiger war ihm jedoch, den Kern des Reiches, also die engere Francia, zu befrieden.

690 und 695 ging Pippin gegen die Friesen unter ihrem Herzog Radbod vor. Es gelang ihm, dessen Hauptstadt Utrecht einzunehmen. Pippins Sohn Grimoald heiratete in der Folge Radbods Tochter Thedesinde. Pippin arbeitete eng mit dem angelsächsischen Mönch Willibrord zusammen, mit dessen Hilfe er die Friesen in die fränkische Kirche integrierte. Willibrord wurde Erzbischof von Friesland.

709-712 unternahm Pippin Vorstöße nach Alemannien, aber die übrigen Völker ließ er unbehelligt. In Hessen, Thüringen und Mainfranken siedelten sich jedoch Franken an, und zwar unter der Oberhoheit lokaler Machthaber.

Im 8. Jh. kam es zu einer stärkeren Missionierung bei den Völkern rechts des Rheins und zu einem Bündnis mit dem Papsttum. Das Kloster Echternach (heute Luxemburg) wurde gegründet und zum Hauskloster der Pippiniden ausgebaut, das es auch für die Karolinger bleiben sollte. In Austrasien wurde Pippins Führungsanspruch auch im geistlichen Sinne deutlich.

Im Jahr 708 starb Pippins ältester Sohn Drogo. Ab diesem Zeitpunkt stand sein jüngerer Sohn Grimoald im Vordergrund. Dieser wurde allerdings 714 von einem Heiden erschlagen. Grimoalds unehelicher Sohn Theudoald übernahm das Hausmeieramt für die Merowinger in Neustrien.

Pippin der Mittlere starb Ende 714 ohne allseits anerkannten Erben, wodurch die Pippiniden in eine existenzielle Krise gerieten. Aus den Auseinandersetzungen ging Karl, Pippins Sohn mit Chalpaida, siegreich hervor. Matthias Becher widerspricht der Annahme, Chalpaida sei im Gegensatz zu Pippins Frau Plectrud eine weniger bedeutende Nebenfrau gewesen. Er geht davon aus, dass Polygamie unter den Adligen im Frühmittelalter verbreitet war. Daraus ergibt sich, dass Karl kein geringeres Recht am Erbe seines Vaters besaß als seine Halbbrüder.

Karl Martell

Den Beinamen martellus (lat. „Hammer“) erhielt Karl im 9. Jh., lange nach seinem Tod. Karls Aufstieg zum Hausmeier der Merowinger war keinesfalls selbstverständlich. Plectrud setzte zunächst ihren Enkel Theudoald als Hausmeier Dagoberts III. in Neustrien durch und ließ Karl gefangen setzen.

Der neustrische Adel versuchte nach Pippins Tod, seine Dominanz zurückzugewinnen. Im Jahr 715 siegten die Neustrier bei Compiègne über Theudoald. Kurz danach starb Dagobert III. und die Neustrier machten einen Mönch namens Daniel aus der Sippe der Merowinger zum König. Er war ein Sohn des 675 ermordeten Childerichs II. und nannte sich als König Chilperich II.

Die Neustrier zwangen Plectrud im Jahr 716, ihre Schätze herauszugeben. Nach dieser Niederlage verließen viele Austrasier Plectrud und schlossen sich Karl Martell an, der inzwischen aus der Haft geflohen war. 717 besiegte Karl die Neustrier bei Vincy in der Nähe von Cambrai. Somit hatte er Austrasien weitgehend unter Kontrolle. Er erhob einen anderen Merowinger, Clothar IV., zum König. Von wem dieser abstammt, ist unklar.

718 besiegte Karl bei Soissons Chilperich II. und seinen Hausmeier Raganfred, der mit mehreren Grafschaften in Neustrien abgefunden wurde. Nach dem baldigen Tode des Merowingers Chlothar IV. erkannte Karl Chilperich als König an und regierte formal als dessen Hausmeier das Reich, einschließlich Neustrien.

Karl Martells Grab in St. Denis
Karl Martells Grab in St. Denis © J. Patrick Fischer - CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

Karl Martell vermied es, anders als sein Vater, wichtige Machtpositionen mit Verwandten zu besetzen. Eine Ausnahme war sein Neffe Hugo, der mehrere Bistümer und Abteien verwaltete. Offenbar sah Karl in ihm keine Bedrohung für seine eigene Stellung als Hausmeier, da er ein Geistlicher war.

Ein weiterer Unterschied zu seinem Vater Pippin ist Karl Martells ausgeprägte Expansionspolitik. Er führte Krieg in Alemannien, Aquitanien, gegen die Friesen, Sachsen und Bayern. In mehreren Schlachten besiegte er die Araber, die 711 das spanische Westgotenreich erobert hatten und bis nach Septimanien im Süden Galliens vordrangen. Um seine Kriegszüge zu finanzieren, übergab er seinen Getreuen Kirchenbesitz, auch ohne das Einverständnis der Kirche.

Innenpolitisch drängte Karl die Merowingerkönige immer mehr an den Rand. Offenbar strebte er danach, die Merowinger abzulösen. Es gab unter seiner Regierung kein Königsgericht mehr, sondern nur noch das Gericht des Hausmeiers. Chilperich II. starb 721 und Theuderich IV. wurde König, hatte jedoch kaum Macht. Als er 737 starb, ließ Karl Martell den Thron unbesetzt. Er verhinderte, dass Theuderichs Sohn Childerich König wurde, und schickte ihn in ein Kloster.

Eine Ablösung der Merowinger gelang Karl Martell jedoch nicht. Gründe dafür sind der Widerstand einiger Adliger im Reich und außenpolitische Verwicklungen. Karl war mit dem Langobardenkönig Liutprand verbündet, wurde jedoch vom Papst zur Hilfe gerufen, als Liutprand diesen angriff. Karl wartete ab und entschied sich für keine Seite. Er starb 741.

Karlmann und Pippin der Jüngere

Nach dem Tod Karl Martells gab es keine existenzielle Krise im Reich, wie nach dem Tod seines Vaters Pippin, sondern es kam nur zu Streitigkeiten innerhalb der Pippiniden-Familie. Karl hatte drei Söhne aus zwei Ehen, Karlmann, Pippin und Grifo. Letzterer stammte mütterlicherseits vom bayerischen Geschlecht der Agilolfinger ab.

Karlmann und Pippin ließen Grifo und seine Mutter Swanahild gefangen setzen und teilten das Reich unter sich auf. Um ihre Herrschaft zu legitimieren, holten sie 743 den Merowinger Childerich aus dem Kloster und setzten ihn als Childerich III. auf den Thron. Er herrschte offiziell bis 751, war jedoch nur ein Schattenkönig und sollte der letzte Merowinger auf dem fränkischen Thron bleiben.

Karlmann arbeitete eng mit dem angelsächsichen Mönch Bonifatius zusammen, der im Frankenreich wirkte. Im Jahr 742 oder 743 wurde erstmals seit langer Zeit eine Synode (Versammlung von Bischöfen) durchgeführt. Die Beschlüsse - Concilium Germanium genannt - sahen eine Neuordnung der Kirche im Sinne des Bonifatius vor und wurden durch Karlmann verkündet. Karlmann führte dabei den Titel dux et princeps Francorum, ganz ähnlich wie in der Königstitulatur, aber der Königstitel fehlte ihm noch.

Bonifatius konnte die von ihm gewünschte Neuordnung der Kirche nur zum Teil durchsetzen und büßte deshalb beim Papst an Ansehen ein. Dieser korrespondiert nun häufig direkt mit Pippin.

Der Dynastiewechsel von 751

Im Jahr 747 verzichtete Pippins Bruder Karlmann auf die Herrschaft, um in Italien ein geistliches Leben zu führen. Welche Motive hinter seiner Abdankung stecken, ist nicht ganz klar. Wahrscheinlich hatte es Spannungen mit seinem Bruder Pippin gegeben, und Pippin war aufgrund seiner pragmatischeren Einstellung in Fragen der Kirchenordnung beim fränkischen Adel beliebter.

Pippin der Jüngere war mit Bertrada aus der Familie Plectruds verheiratet. Den beiden wurde 748 ein Sohn geboren, den sie nach seinem Großvater Karl nannten. Er sollte später als Karl der Große bekannt werden.

Pippin der Jüngere
Pippin der Jüngere auf einer Darstellung aus dem Hochmittelalter

Pippin hatte noch immer Konkurrenten innerhalb seiner Familie, und zwar seinen Halbbruder Grifo und Karlmanns Sohn Drogo. In dieser Situation entschied er sich, den Merowingerkönig offiziell abzulösen, um seine Macht ein für alle Mal zu festigen. Dies war nicht ganz einfach, da die Merowinger noch immer Unterstützer hatten. Außerdem hatte Pippin selbst den Merowinger Childerich III. eingesetzt und konnte ihn nicht einfach wieder absetzen. Pippin und seine Anhänger verbreiteten daher die Meinung, ein untätiger König sei seines Amtes nicht würdig. Sie beauftragten die Fortsetzung der Chronik des sogenannten Fredegar und erinnerten an die Leistungen, die Pippins Vorfahren vollbracht hatten. Außerdem sorgten sie für die Verehrung von Äbtissinnen aus der Familie der Karolinger, wie z.B. Geretrudis.

Schließlich appellierte Pippin an Papst Zacharias. Er sandte im Jahr 750 Abt Fulrad von Saint-Denis und Bischof Burkhard von Würzburg nach Rom. Der Papst antwortete, „es sei besser, den als König zu bezeichnen, der die Macht habe, statt den, der ohne königliche Macht sei“. Gestützt durch diese Entscheidung, versammelte Pippin 751 den fränkischen Adel in Soissons und ließ sich zum König wählen. Der Merowinger Childerich III. und sein Sohn Theuderich wurden ins Kloster geschickt.

Um sich gegen Widerstand abzusichern, ließ sich Pippin zusätzlich von Bischöfen zum König weihen. Dies war eine Neuerung, die vorher nicht üblich gewesen war. Als Papst Stephan II. 754 das Frankenreich bereiste, salbte er Pippin und seine Söhne Karlmann und Karl. In einer Quelle heißt es dazu:

Der Papst verbot allen Franken unter der Strafe von Interdikt und Exkommunikation, jemals zu wagen, einen König aus anderem Geschlecht zu erwählen als aus dem dieser Herrscher, die Gottes Gnade zu erhöhen geruht habe und die er auf Fürbitte der heiligen Apostel durch die Hände des segenspen Kirchenoberhauptes, seines Stellvertreters auf Erden, bestätigt und geweiht habe.

Durch diesen Schritt wurden die Anhänger der germanischen Tradition der Königswahl und die Unterstützer der Merowinger handlungsunfähig gemacht. Pippin der Jüngere hatte somit die Herrschaft für seine Familie gesichert. Die Karolinger sollten ab diesem Zeitpunkt für mehr als zwei Jahrhunderte Könige und (seit Karl dem Großen) Kaiser des Frankenreiches sein.

Literaturhinweise:

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2 Gedanken zu „Von den Merowingern zu den Karolingern

    1. Björn

      Hallo,

      sorry für die späte Antwort, ich war hier im Blog in letzter Zeit nicht sehr aktiv.

      Meines Wissens kam der Name Karolinger für das Herrschergeschlecht erst später auf und man bezog sich dabei meist auf Karl den Großen. Du hast jedoch dahingehend recht, dass Karl Martell der Erste aus dem später Karolinger genannten Geschlecht war, der den Namen Karl trug.

      Viele Grüße
      Björn

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