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Neuplatonische Einflüsse in der jüdischen Philosophie des Mittelalters

Neulich habe ich in einem Buch über Franz Kafka und das Jüdische in seinem Werk geblättert und bin dabei zufällig auf ein Thema aufmerksam geworden, das zum Mittelalter passt: Die mittelalterliche Kabbala wurde vom Neuplatonismus beeinflusst, an der sich auch christliche Philosophen wie Thomas von Aquin orientierten. Es besteht also keine große Kluft zwischen beiden Religionen, sondern sie waren im Mittelalter den gleichen Einflüssen ausgesetzt.

Ein zentraler Grundgedanke der Kabbala ist der Glaube von der Einheit allen Seins. Die sichtbare Welt ist mit den unsichtbaren Welten des Göttlichen und Himmlischen […] in einer einzigen Kette des Seins verbunden, nämlich durch den Fluß der Emanation des göttlichen Lichtes und Lebens, das alle Welten hervorgebracht hat und sie erhält.

Bei den mittelalterlichen Platonikern und Aristotelikern wird die körperlose Welt nur durch wenige Substanzen repräsentiert, während die Kabbalisten eine Vielzahl göttlicher und himmlischer Substanzen kennen.

Kabbalistischer Lebensbaum mit den zehn Sefirot.
Kabbalistischer Lebensbaum mit den zehn Sefirot. Darstellung aus dem Jahr 1621.

An ihrer Spitze stehen die zehn Gotteskräfte, Lichter, Worte oder Sefirot, häufig einer 'Baumform' gleich gezeichnet, die aber in sich selbst eine unendliche Binnengliederung durch die Widerspiegelung der zehn in jeder einzelnen erfahren. Diese zehn Gotteskräfte bilden zum einen, vergleichbar mit der platonischen Ideenwelt, das Grundmuster allen Seins, und zum anderen werden sie gleichsam in anthropomorphischer Redeweise wie eine himmlische Familie gezeichnet, in der es Vater, Mutter, Sohn und Tochter gibt, männliche und weibliche Elemente, liebende und strafende.

Der gesamte Weltenbaum hat vier Stufen:

  • die Sefirotwelt selbst (der offenbare Gott),
  • die Welt des Gottesthrones,
  • die himmlische Welt der Engel
  • und die materielle irdische Welt.

Die mittelalterlichen Philosophen teilten die Welt ebenfalls in verschiedene Sphären ein: Die Aristoteliker kennen die Welt der absoluten Intelligenzen, die Welt der Himmelssphären und die sublunare irdische Welt, die Platoniker den Intellekt, die Psyche, die Natur und die sublunare Welt.

Diese Grundgedanken der mittelalterlichen Philosophie wurden in der Kabbala auf unterschiedliche Weise mit der altjüdischen kosmologischen Tradition und mit gnostischen Elementen in Verbindung gebracht. Dabei gab es verschiedene Sprachebenen: die Bilderwelt der Bibel, die talmudische Predigtlehre und mystische Traktatliteratur, eine anthropomorphe Sprechweise, die an die Gnostik erinnert. All diese Sprechweisen wurden häufig miteinander vermischt.

All das beruht auf dem einen grundlegenden Gedanken, daß nämlich sämtliche Phänomene dieser Welt, die Natur, der Himmel, die menschliche Gestalt, die Sprache und die biblische Literatur, alles, was in dieser Welt existiert, auf das eine göttliche Grundmuster zurückgeht und dieses darum in allem erkannt und folglich durch alles beschrieben werden kann.

Die Kabbala ist nicht bloß als theoretisches System konzipiert, sondern zur praktischen Anwendung gedacht. Dem Menschen wurde sein Ort in dem Weltganzen zugewiesen, ihm wurden die Möglichkeiten und Pflichten seines Handelns im Kosmos vor Augen geführt und die Mittel zum Handeln gegeben.

Und dieses ist die Theurgie, das heißt die Fähigkeit, auf die Wurzeln allen Seins einzuwirken, um von dort den Segensfluß über der Welt zu öffnen.

Interessante Gedanken, die mir neu waren. Eventuell werde ich mich bei Gelegenheit noch ausführlicher mit jüdischen Themen beschäftigen.

Die Zitate stammen aus: Grözinger, Karl Erich: Kafka und die Kabbala. Das Jüdische im Werk und Denken von Franz Kafka. Berlin/Wien 2003 *, S. 14-16.

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