Redewendungen aus dem Mittelalter: Stabreimende Formeln

Einige Redewendungen im Deutschen wie mit Kind und Kegel oder mit Haut und Haar sind stabreimende Formeln. Stabreime (Alliterationen) wurden gern bei der Bildung von Redensarten genutzt, und das nicht nur in germanischer Zeit, als der Stabreim ein Bestandteil der Dichtkunst war, sondern auch noch im Mittelalter und in der Neuzeit.

Mit Kind und Kegel bedeutet „mit der ganzen Familie“. Kegel steht dabei für „uneheliches Kind“, die ganze Redewendung heißt dann also „mit ehelichen und unehelichen Kindern“.

Das Wort Kegel bedeutete im Mittelhochdeutschen zunächst „Pfahl, Pflock“ und dann den Kegel im Spiel. Kegel kann auch für „Knüppel, Stock“ stehen und wurde später auf Personen übertragen. Im Elsässischen wird ein Taugenichts als „grober, fauler Kegel“ bezeichnet.

Einen vergleichbaren Bedeutungswandel kann man auch bei ähnlichen Worten beobachten. Ein Beispiel ist das Wort Bengel, das im Mittelhochdeutschen (Mhd.) noch „Knüppel, Stange“ bedeutete und mit dem Englischen to bang „klopfen, schlagen“ verwandt ist. Ähnlich wie Flegel (aus lat. flagellum „Geißel, Flegel“) wurde das Wort auf Menschen übertragen, die „grob“ sind. Analog dazu handelte es sich bei Kegel zunächst um eine verächtliche Bezeichnung für „Kind“ und später für „uneheliches Kind“.

Eine andere Erklärung leitet sich von einer alternativen Bedeutung von Kegel ab: Das Wort stand im Mhd. auch für „Eiszapfen“. In dem altschwäbischen Schwank Modus Liebinc erzählt eine untreue Frau ihrem Mann, sie habe Schnee gegessen und davon sei sie schwanger geworden.

Die Fraue, in Todesängsten,
Lügt und schwindelt mit dreister Stirn:
„Ach Liebster, da steh’ ich“, spricht sie,
„Eines Tages auf hoher Firn;
Nach dir in Sehnsucht ich dort vergeh“:
Da nahm ich ein wenig Schnee –
Sieh, ach, Liebster, sieh,
Davon dies Kindlein ich empfieh.’

Von diesem Schwank vom „Schneekind“ gibt es verschiedene Versionen, unter anderem auf Latein, Mittelhochdeutsch und Altfranzösisch. Durch solche Vorstellungen könnte aus „Eiszapfen“ die Bedeutung „Bastard“ entstanden sein.

Hartmann von Aue
Gepanzerter Ritter (Hartmann von Aue). Darstellung aus dem Codex Manesse, um 1300.

Die Redensart Ross und Reiter nennen mit der Bedeutung „klare Angaben machen“ stammt aus mittelalterlichen Turnieren, bei denen die Ritter, die gegeneinander antraten, vor Beginn dem Publikum vorgestellt wurden. Da die Ritter aufgrund ihrer Rüstungen unkenntlich waren, identifizierte ein Herold sie anhand ihrer Wappen und und nannte dem Publikum ihre Namen.

Der Herold rief auch den Namen des Pferdes aus, denn der Erfolg eines Ritters im Turnier hing maßgeblich von seinem Pferd ab. Dass in der Redewendung noch immer das altmodische Wort Ross vorkommt, liegt an der Vorliebe für den Stabreim bei der Bildung von Redensarten.

Leib und Leben steht in seiner heutigen Bedeutung für „Körper und Leben“. Es gibt aber weitere Redensarten mit Leib, die noch an die alte mhd. Bedeutung von lîp „Leben“ erinnert: Leib und Gut heißt demnach eigentlich „Leben und Gut“; beileibe nicht bedeutet „beim Leben nicht“ (siehe auch meine Lerntipps zum Mittelhochdeutschen).

Die stabreimende Formel mit Haut und Haar geht auf einen alten Rechtsbrauch zurück: einem Haut und Haar abschlagen stand für „ihn mit Rutenstreichen strafen, dass es über Haut und Haar geht“. Jetzt bedeutet mit Haut und Haar „mit allem“.

Die Redewendung Ihm ist eine Laus über die Leber gelaufen im Sinne von „er ist verärgert“ lautete ursprünglich Es ist mir etwas über die Leber gelaufen (so noch im Bayerischen). Später wurde etwas durch Laus ersetzt, d. h. durch etwas Kleines, Nichtiges. Aufgrund des l am Wortanfang kommt es auch der Vorliebe des Sprichworts für Stabreime entgegen.

Waldrodung
Waldrodung. Aus dem "Totentanz" von Hans Holbein d. J. (1497/98-1553).

Die Redewendung über Stock und Stein bezog sich ursprünglich auf den frisch abgeholzten Waldboden, auf dem es sich schlecht gehen lässt. Sie taucht z.B. um 1300 in Hugo von Trimbergs Lehrgedicht Renner auf. Es gibt sie auch in der Form über Stock und Staude und über Stock und Stiel.

Heute weniger bekannt ist die Redewendung zwischen Baum und Borke stecken, die sich auf eine missliche Lage bezieht, in der man weder vor noch zurück kann. Vermutlich kommt diese Redewendung von dem Beil, das sich beim Behauen des Baumes oft einklemmt, sodass es weder vor noch zurück bewegt werden kann.

Auch die stabreimende Formel Wurst wider Wurst ist heute kaum noch bekannt. Sie steht für „Gleiches mit gleichem vergolten“ und bezieht sich auf den Brauch, einander beim Schweineschlachten gegenseitig mit Wurst und Fleisch zu beschenken. Ähnlich ist der Spruch Brätst du mir eine Wurst, so lösche ich dir den Durst aus Sebastian Brants Narrenschiff gemeint. Es gibt zahlreiche auch heute noch bekannte Redensarten, die das Gleiche ausdrücken, z.B. Wie du mir, so ich dir oder Eine Hand wäscht die andere.

Die Redewendung einen Zahn zulegen stammt nicht aus dem Mittelalter, obwohl dies oft behauptet wird. In mittelalterlichen Küchen konnte man einen Topf mittels einer gezackten Topfstange über den Herd hängen. Durch diese Zahnreihe konnte man regulieren, wie nah der Topf über der Glut hing, und so die Gargeschwindigkeit beeinflussen. Die Redensart stammt jedoch in Wirklichkeit aus dem frühen Automobilbau. Damals besaßen die Fahrzeuge statt eines Gaspedals einen Handgashebel mit Zahnkranz oder eine gezähnte Stange. Wenn man dabei „einen Zahn zulegte“, d.h. die Arretierung einen Zahn weiter einrasten ließ, fuhr das Auto schneller. Diese Redensart hat also nichts mit dem Mittelalter zu tun!

Verwendete Literatur:

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2 Gedanken zu „Redewendungen aus dem Mittelalter: Stabreimende Formeln

  1. Sebastian

    Die ursprüngliche Bedeutung und Benutzung bestimmter Redewendungen sind ja interessant, wir benutzen alltäglich verschiedene Sprüche, ohne zu wissen, woher sie eigentlich kommen. Super Beitrag, weiter so!
    LG
    Sebastian

    Antworten
    1. Björn

      Hallo Sebastian,

      danke. Ich hatte beim Recherchieren auch das eine oder andere Aha-Erlebnis. Das wird sicher nicht der einzige Beitrag über Redewendungen von mir bleiben.

      Viele Grüße
      Björn

      Antworten

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