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Rieneck im Spessart – Zentrum einer mittelalterlichen Grafschaft

Am Wochenende habe ich eine kleine Wanderung nach Rieneck im Sinntal unternommen. Losgegangen bin ich gegen Mittag am Bahnhof von Langenprozelten, das ist ein kleiner Ort an der Bahnstrecke Würzburg-Frankfurt, nicht weit von Gemünden am Main. Eigentlich wollte ich über Ruppertshütten, eine frühere Glasmachersiedlung, nach Rieneck wandern, das wären ca. 17 km gewesen. Aber da der Wanderweg zwischen Langenprozelten und Ruppertshütten anscheinend derzeit nicht gepflegt wird und ich mich schon nach kurzer Zeit schwergetan habe, den richtigen Weg zu finden, bin ich gleich in Richtung Norden zur Birkenhainer Straße abgebogen. Dank Smartphone mit GPS war das kein Problem. Von der Birkenhainer Straße nach Rieneck war der Weg dann auch wieder gut ausgeschildert.

Wegweiser nach Rieneck

Am späten Nachmittag kam ich in Rieneck an. Die Burg liegt auf einer Anhöhe direkt im Ort. Heute gehört sie dem Verband Christlicher Pfadfinderinnen und Pfadfinder, der die Burg für Jugendgruppen zur Erholung nutzt. Besucher können den Innenhof und den Bergfried besichtigen, die übrigen von den Pfadfindern genutzten Gebäude sind nicht öffentlich zugänglich.

Eingang zur Burg Rieneck
Eingang zur Burg

Die Entstehung der Grafschaft Rieneck im hohen Mittelalter

Der Ort Rieneck wurde 790 erstmals urkundlich erwähnt. Im 12. Jahrhundert erwarben die Grafen von Rieneck, die aus dem Rheinland stammten und den Namen von einer ausgestorbenen rheinischen Adelsfamilie übernommen hatten, umfangreiche Besitzungen im Spessart. Der Name der Adelsfamilie steht mit der Burg Rheineck bei Andernach in Verbindung. Der Ort Rieneck im Spessart wurde nach der Grafenfamilie Rieneck benannt, nachdem diese dort im 12. Jahrhundert eine Burg errichtet hatte.

Burg Rieneck
Burg Rieneck

Die Keimzelle der rieneckschen Ländereien ist das Maingebiet zwischen Gemünden und dem Kloster Neustadt um den Hauptort Lohr. Die Rienecker Grafen besaßen unter anderem Lehen vom Kaiser, vom Erzstift Mainz, vom Hochstift Würzburg und der Reichsabtei Fulda. Dazu gehörten nicht nur Ländereien, sondern weitere Rechte und Privilegien, zum Beispiel das Zollrecht an der Birkenhainer Straße, das Zoll- und Geleitsrecht für die alte Fernhandelsstraße Frankfurt-Leipzig, den Zehnt, Jahrmärkte und das Münzprivileg in Lohr am Main und das Erbtruchsessamt des Herzogtums Franken. Sie vergaben ihrerseits Lehen, überwiegend an Ministerialen.

Die Burg Rieneck

In Rieneck ließ Ludwig I. von Loon und Rieneck die heute noch vorhandene Burg erbauen. Sie wurde der neue Hauptsitz der Grafen von Rieneck. Von dort aus verteidigten die Rienecker ihren Machtbereich gegen die umliegenden Territorien Kurmainz, das Hochstift Fulda und das Hochstift Würzburg. Diese waren ebenso wie die Rienecker Grafen bestrebt, ihre Besitzungen im Spessart zu erweitern. Außerdem war der Standort der Burg günstig, um die Birkenhainer Straße, damals eine wichtige Fernverkehrsstraße, zu kontrollieren.

Gebäude im Innenhof der Burg Rieneck
Gebäude im Innenhof der Burg Rieneck

Zunächst entstanden die Befestigungsmauern, die den Burghof umgeben, sowie der 19 Meter hohe „Dicke Turm“ mit seinen vier bis acht Meter starken Mauern. Der Turm ist außen unregelmäßig siebeneckig und innen regelmäßig achteckig. Er besitzt drei Stockwerke und eine Aussichtsplattform. Innerhalb der Burgmauern wurden Fachwerkbauten errichtet, die heute nicht mehr erhalten sind.

Der Dicke Turm (Bergfried)
Der Dicke Turm (Bergfried) der Burg Rieneck

In der dritten Etage des „Dicken Turms“ gibt es eine kleine Turmkapelle, die in ihrer Bauweise europaweit einzigartig ist. Sie ist direkt in die Mauer des Turms eingelassen.

Turmkapelle im Dicken Turm der Burg Rieneck
Turmkapelle im Dicken Turm der Burg Rieneck

Um 1200 wurde der „Dünne Turm“ erbaut, der 29 Meter hoch ist und eine größere Besatzung aufnehmen konnte. Die Burg trug dazu bei, dass die Bevölkerung Rienecks wuchs. Seit Beginn des 13. Jahrhundert wird der Ort als Stadt bezeichnet.

Der Dünne Turm der Burg Rieneck
Der Dünne Turm

Die Verlegung des Herrschaftssitzes nach Lohr und das Ende der Rienecker Grafen

Graf Gerhard V. von Rieneck erbaute um 1340 das Lohrer Schloss, das fortan der Hauptsitz der Grafen wurde. Die Burg Rieneck wurde noch aufgrund ihrer strategischen Bedeutung genutzt, da sie den wichtigsten Verkehrsweg, die Birkenhainer Straße, kontrollierte. Der letzte Graf von Rieneck, Philipp III., starb 1559 ohne männlichen Erben. Der Hauptteil der Grafschaft Rieneck ging als heimgefallenes Lehen an Kurmainz. Die letzte Gräfin, Margarethe von Rieneck, starb 1574.

Ab dem 16. Jahrhundert wurde die Burg Rieneck aufgegeben und verfiel allmählich. Restaurierungs- und Umbauarbeiten wurden im 19. und 20. Jahrhundert durchgeführt. Heute befindet sich die Burg in einem guten Zustand, wobei es aber zum Teil schwierig ist, die baulichen Bestandteile zeitlich einzuordnen.

Literaturhinweise:

  • Ruf, Theodor: Die Grafen von Rieneck. Genealogie und Territorienbild (2 Bände). Würzburg 1984.
  • Schecher, Otto: Die Grafen von Rieneck. Zur Geschichte eines mittelalterlichen Hochadelsgeschlechtes in Franken (Schriften des Geschichtsveriens Lohr a. Main Folge 8). Lohr a. Main 1969.

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