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Die Runen – germanische Schriftzeichen

Was sind Runen?

Runenstein in Wedel (Holstein)
Runenstein in Wedel (Holstein) © Bullenwächter - CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

Runen sind die Schriftzeichen der Germanen. Sie wurden ungefähr ab dem Jahr 200 n. Chr. bis zum Mittelalter genutzt. Das Wort Rune mit der Bedeutung „Schriftzeichen“ ist allerdings eine Neubildung aus dem 17. Jh., die zuerst in Skandinavien geprägt wurde. Dieses Wort kommt bereits in den älteren germanischen Einzelsprachen vor, z.B. gotisch rūna, althochdeutsch rūna(stab), altnordisch rún und mittelhochdeutsch rŭne, und zwar mit der Grundbedeutung „Geheimnis“.

Die germanische Runenschrift wird nach den ersten sechs Runen Futhark genannt, ähnlich wie die lateinische Schrift Abc genannt wird. Zwischen 200 und 700 n. Chr. war das ältere Futhark in Gebrauch, das aus 24 Runen besteht. Diese wurden in drei ættir bzw. „Geschlechter“ zu je acht Runen eingeteilt. In der Wikingerzeit (ab 800) und dem Mittelalter (das in Skandinavien erst 1050 beginnt) nutzte man das jüngere Futhark, ein verkürztes Runenalphabet mit 16 Runen. Daneben entwickelte sich in England und Friesland ein angelsächsisches Futhark mit einigen Sonderzeichen. In Schweden gab es die sogenannten Hälsinge-Runen, die nur regional genutzt wurden.

Das ältere Futhark
Das ältere Futhark © Invaeling - CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)
Das jüngere Futhark
Das jüngere Futhark © Den fjättrade ankan - CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

Die Runen sind nicht nur Schriftzeichen mit einem Lautwert, sondern sie tragen auch Namen. Ab dem 4. Jh. treten Runennamen vereinzelt auf, erst in mittelalterlichen Handschriften und Runengedichten sind sie zusammenhängend überliefert. In einem weiteren Artikel habe ich eine Übersicht über die Runennamen zusammengestellt.

Runen konnten rechts- und linksläufig geschrieben werden. Manchmal wechselte dies in der selben Inschrift, zum Teil in jeder Zeile nach Art der Pflugwende (boustrophedon). Auch senkrechte Runeninschriften kommen vor. In der Wikingerzeit setzte sich die linksläufige Schreibweise durch.

In Skandinavien wurde die Kenntnis der Runen in abgelegenen Gebieten bis ins 18. und 19. Jh. überliefert. Daher brauchten die Forscher, die die alten Runeninschriften ab dem 16. Jh. erforschten, keine mühsame Entzifferungsarbeit leisten, wie dies z.B. bei den ägyptischen Hieroglypen der Fall war.

Mythos und Herkunft der Runen

Im Germanischen gibt es wie in anderen Kulturen den Mythos, dass die Schrift von den Göttern stammt. In der Hávamál, den Reden des Hohen aus der Edda, wird erzählt, dass Odin die Runen fand, als er am Weltenbaum Yggdrasil hing, um sich selbst sich selbst zu opfern. Aufgrund der göttlichen Herkunft der Runen genoss die Schrift ein hohes Ansehen, das sich auch auf die Person des Schreibers übertrug.

In der Forschung werden im Wesentlichen drei Thesen zur Herkunft der Runen vertreten:

  • aus dem griechischen Alphabet
  • aus dem nordetruskischen Alphabet
  • aus dem lateinischen Alphabet

Im Jahr 2006 veröffentlichte der Germanist Theo Vennemann die These, dass die Germanen die Runen von den Karthagern aus dem phönizischen Alphabet übernommen haben. Dadurch wird erklärbar, weshalb die Runen Namen tragen, anders als die oben genannten Alphabete. So beginnt das phönizische Alphabet mit 'Aleph, was „Rind“ bedeutet, ebenso wie fehu, das erste Schriftzeichen der Runenschrift.

Falls diese These zutrifft, könnte man den Beginn der Runenschrift in die Zeit zwischen 500 und 200 v. Chr. vorverlegen. Andererseits kann ein intensiver Kontakt zwischen den Phöniziern und Germanen archäologisch nicht belegt werden. Im Gegensatz dazu bestanden intensive Kontakte zwischen Römern und Germanen, was für die lateinische These sprechen würde. Endgültig durchgesetzt hat sich in der Forschung bisher keine der vier Thesen.

Runeninschriften

Runeninschriften gibt es als Namensnennungen (z.B. als Besitzerangabe auf Gegenständen), als Herstellerinschriften, als magische Inschriften auf Amuletten, als kultische und rituelle Handlungen oder zum Totengedenken. In einigen Inschriften soll nur ausgedrückt werden, dass der Schreiber Runen ritzen kann. Diese Kunst war bedeutsam, denn nur wenige Menschen beherrschten sie.

Der Name Rurik in der Kirche von Norrsunda (Schweden)
Der Name Rurik in der Kirche von Norrsunda (Schweden) © Berig - CC BY 3.0 (via Wikimedia Commons)

Runeninschriften sind z.B. auf Steinen zu finden, die zum Gedenken an bestimmte Ereignisse gesetzt wurden, aber auch auf persönlichen Gegenständen wie Amuletten, Kämmen und Fibeln sowie auf Brakteaten (dünne, einseitig geprägte Münzen). In Skandinavien werden immer wieder Funde bei Restaurierungen in Kirchen gemacht, da Runensteine in Kirchen oft mit verbaut wurden.

Die frühesten Runeninschriften treten ungefähr ab dem Jahr 200 in Dänemark auf. Durch die Fahrten der Wikinger verbreiteten sich die Runen über ein weites Gebiet, von Grönland im Nordwesten bis Russland im Nordosten und dem griechischen Mittelmeerhafen Piräus im Südosten. Bis jetzt wurden rund 6500 Runendenkmäler entdeckt, die meisten davon in Schweden. Auch in Norwegen, Dänemark, Island, Grönland, England und Deutschland wurden zahlreiche Runendenkmäler gefunden, einzelne gibt es in den Niederlanden, in Irland, auf den Orkneys und den Färöern.

Franks Casket (oder Runenkästchen von Auzon) mit angelsächsischen Runen
Franks Casket (oder Runenkästchen von Auzon) mit angelsächsischen Runen © D. Gordon E. Robertson - CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons) © Michel wal - CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

Bis heute sind nur ca. 370 Inschriften im älteren Futhark überliefert. Nur wenige davon lassen sich eindeutig lesen und deuten, da die Fundstücke beschädigt sind oder da sich ihr sprachlicher Sinn nicht leicht erschließen lässt. Einige Runeninschriften sollten gar nicht gelesen werden, da sie in Steine geritzt wurden, die im Grab den Toten zugewandt waren. Bei Fibeln (Gewandnadeln) treten Runen eher auf der Rückseite auf.

Runen und Magie

In Runeninschriften wurden auch einige magische Wortformeln überliefert. Auf Amuletten, die am Körper getragen wurden, sollten magische Formeln wahrscheinlich Schaden verursachende Wesen fernhalten. Die vermutlich als magisch zu interpretierende Runenfolge alu kommt rund 20 Mal vor. Viele Forscher nehmen an, dass sie mit „Abwehr, Schutz, Tabu“ übersetzt werden kann. Etymologisch könnte diese Übersetzung über altenglisch ealgian „schützen“ auf griechisch 'alké „(Ab)wehr“ zurückgeführt werden. In Gräbern sollte die Inschrift alu möglicherweise den Toten im Grab bannen und verhindern, dass er zum Wiedergänger wurden, oder sie sollte Grabräuber abwehren.

Die norwegische Germanistin Gerd Høst Heyerdahl widerspricht dieser These und setzt germanisch alu mit dem altnordischen ǫl „Bier“ gleich. Dann könnte alu auf Grabsteinen eingeritzt worden sein, um zu belegen, dass der traditionell bei Begräbnisfeiern übliche Umtrunk stattgefunden hatte, der ein Opferritual an die Götter darstellte.

Obwohl Klaus Düwel diese Ansicht nicht teilt, schreibt er, dass die Runen eine Beziehung zu altnordisch ǫl „Bier, Rauschtrank“ hatten. Berauschende Getränke spielten eine wichtige Rolle in Kultausübung und Magie. Im Sigdrífumál aus der Edda wird gesagt: „Runen sind geritzt […] auf Amuletten, in Wein und in Bier“. Vielleicht wurden Runeninschriften mit Rauschgetränken besprengt, um sie mit übernatürlichen Kräften zu versehen.

Das Wort laukar wurde überwiegend auf Brakteaten überliefert, auch abgekürzt oder durch die Rune l symbolisiert. Es bedeutete wörtlich „Lauch, Lebenskraut“, könnte aber auch in Analogie zur römischen salus-Formel für den Wunsch nach „Gedeihen, Gesundheit, Fruchtbarkeit“ stehen. Die Lauchpflanze galt als Heilpflanze bei Verletzungen, vor allem bei der Heilung von Pferden.

In der Forschung wird ebenfalls diskutiert, ob Runen als zahlenmagische oder runennamenmagische Zeichen verwendet wurden. Runen könnten auch allein aufgrund ihrer Zusammensetzung und Ordnung im Futhark ein magisch wirkendes Konzept darstellen.

Das Amulett von Lindholmen
Das Amulett von Lindholmen

Allerdings ist es in der Forschung umstritten, ob Runeninschriften tatsächlich für Magie genutzt wurden. Nur eine einzige Runeninschrift wird bisher unwidersprochen als magisch anerkannt, und zwar die Inschrift auf dem Amulett von Lindholmen. Dabei handelt es sich möglicherweise um einen Liebeszauber.

Verwendete Literatur:

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Ein Gedanke zu „Die Runen – germanische Schriftzeichen

  1. Dr. Alfred Becker

    Das "Runenkästchen von Auzon" (Franks Casket) ist ein hervorragendes Zeugnis für heidnisch-magische Praxis mittels Bild-, Runen- und Runenwert-Magie. Dieses Gabenkästchen eines nordenglischen Königs versucht auf diesem Wege das Schicksal des königlichen Kriegers von der Geburt über den Tod auf dem Schlachtfeld bis zum Einzug nach Walhall zu lenken. Dabei konstituiert es einen Kalenderwerk von den Wochentagen (und ihren Göttern) über die Monate und Jahre (Lunisolar Kalender mit integriertem metonischen Zyklus) bis hin zum zum Äon nach 432.000 Jahren.
    Dazu: http://www.franks-casket.de/deutsch/deckel04.html

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