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Juden im Mittelalter – Teil 3: Ursachen der Judenfeindschaft

Als Hauptursachen der Judenfeindlichkeit im Mittelalter lassen sich vor allem Vorurteile, Aberglauben und Unwissenheit identifizieren, wie weiter unten gezeigt wird. Einzelne Aufwiegler nutzten im Volk verbreitete Vorurteile und konnten so die Menschen gegen ihre jüdischen Mitbürger aufhetzen.

Die mittelalterliche Judenfeindschaft knüpfte nicht einfach an einen Antijudaismus aus der Antike an. Antike heidnische Autoren äußerten sich überwiegend neutral über die Juden. Daneben halten sich positive und negative Darstellungen die Waage. Erst im frühen Christentum entstand eine Judenfeindschaft mit spezifisch christlichen Argumenten. Diese entwickelte sich aus einer Konkurrenzsituation heraus, da das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen war. Die Christen verstanden sich als „wahres Israel“ und „neuer Bund“ mit Gott, aus dem die Juden ausgeschlossen waren. Zudem gaben die Christen den Juden die Schuld an der Ermordung Christi.

Judenfeindlichkeit im Christentum

Vor allem seit dem ersten Kreuzzug ab 1096 verbreiteten sich christliche Begründungen für eine Feindschaft der Mehrheitsbevölkerung gegenüber den Juden im Volk. Viele Geistliche waren aus theologischen Gründen judenfeindlich eingestellt und brachten ihre Ansichten durch Predigten unter die Leute. Neben der Ermordung Christi, die angeblich durch Juden geschehen war, wurde der angeblich vorsätzliche „Wucher“ der Juden als Grund angeführt. Dabei galt im Sprachgebrauch des Mittelalters jede Form von Zinsen als Wucher. Die Ermordung Christi und die Zinsnahme begründeten nach Ansicht der Geistlichen eine vorsätzliche Sündhaftigkeit der Juden.

Nur wenige Geistliche riefen allerdings direkt zu Judenverfolgungen auf. Einer von ihnen war der Mönch Radulf aus dem Kloster Clairveaux, der Mitte des 12. Jh. im Rheinland die Bevölkerung zu Pogromen anstachelte. Die offizielle Meinung der Kirche lautete jedoch, dass die Juden vor Gewalt zu schützen seien. Diese Ansicht vertraten unter anderem Papst Clemens VI. (um 1200-1268) und der Mönch Bernhard von Clairveaux (um 1090-1153), der aus demselben Kloster stammte wie Radulf.

Aufwiegler wie Radulf stießen im Volk jedoch auf ein positives Echo, denn sie konnten an weitverbreitete abergläubische Vorurteile anknüpfen. Demnach wurden Juden als Ritualmörder, Hostienschänder und Giftmischer angesehen. Jüdische Ritualgebräuche wurden dabei völlig falsch interpretiert.

Meiner Ansicht nach ist die Hauptursache für solche Vorstellungen Unwissenheit über die jüdische Religion. Die Juden schlossen ihre christlichen Nachbarn konsequent aus ihren religiösen Ritualen aus und die Christen zeigten ihrerseits wenig Interesse an echten Informationen, sondern machten sich abergläubische Vorstellungen davon, was angeblich in den jüdischen Gottesdiensten und Ritualen geschah.

Darstellung einer angeblichen Hostienschändung in Passau
Spätmittelalterliche Darstellung einer angeblichen Hostienschändung in Passau.

Wie wenig die meisten Christen noch im 20. Jh. über die Religion ihrer jüdischen Mitbürger wussten, zeigen Interviews des Volkskundlers Christoph Daxelmüllers aus den 1980er-Jahren mit Zeitzeugen aus fränkischen Dörfern, die sich aus ihrer Jugend an jüdische Dorfbewohner erinnerten. Während die meisten Befragten Namen, Berufe und Wohnhäuser der Juden korrekt beschreiben konnten, bestanden ihre Aussagen zur religiösen Sphäre aus „Halbwahrheiten, Fehleinschätzungen und Irreführungen“. Der Rabbiner wurde als „Bischof“ bezeichnet, in der Synagoge befinde sich ein „Tabernakel“ und die Mazzen seien die Leibspeise der jüdischen Jugend während des gesamten Jahres. Man kann sich leicht vorstellen, dass das Wissen der meisten Christen über die jüdische Religion im Mittelalter ähnlich gering, wenn nicht noch geringer war.

Zudem wussten die Menschen damals noch recht wenig über natürliche Zusammenhänge, z.B. was die Übertragung von Krankheiten betraf. Viele medizinische Tatsachen, die uns heute selbstverständlich erscheinen, waren damals selbst den Gelehrten noch nicht bekannt, geschweige denn den einfachen Menschen, die wenig Möglichkeiten hatten, Bildung zu erlangen. Deshalb fiel während der Pestepidemie im 14. Jh. das Gerücht von den jüdischen Brunnenvergiftungen auf fruchtbaren Boden.

Wirtschaftliche Motive

Als zweiter Grund für die mittelalterliche Judenfeindlichkeit wird häufig angeführt, dass die Juden vor allem vom Geldverleih lebten und mit Wucher in Verbindung gebracht wurden. Wer von diesem Wucher betroffen war, sei zum Judenfeind geworden. Tatsächlich waren die Pogrome häufig zugleich Raubzüge und in den Häusern der Juden wurden auch Schuldscheine mit verbrannt. Es trifft jedoch nicht zu, dass ein Großteil der Personen, die sich an den Verfolgungen beteiligten, bei den Juden verschuldet war.

Die Pogrome wurden vor allem von Bürgern und Handwerkern aus den unteren Bevölkerungsschichten begangen. Diese kamen aber als Kreditnehmer der Juden gar nicht infrage, da Personen, die nur von ihrer Arbeit lebten, ein zu großes Risiko darstellten. „Kleine Leute“, die in wirtschaftliche Schwierigkeiten gerieten, verließen sich auf die Hilfe ihrer Familie, ihrer Nachbarn und der Kirche, nicht aber der Juden. In der ersten Hälfte des 14. Jh. waren vor allem Adlige und Geistliche bei Juden verschuldet, in Würzburg z.B. Bischof Otto von Wolfskeel.

Zudem waren die Zinsen der Juden keineswegs unangemessen hoch, sondern lagen bei rund zehn Prozent und entsprachen dem Betrag, der auch bei verdeckten Kreditgeschäften zwischen Christen üblich war. Eine Möglichkeit eines solchen Geschäfts war z.B. der Verkauf eines Weinbergs mit vorher vereinbartem Rückkauf für einen fest vereinbarten Betrag. Der angeblich jüdische Wucher ist also keine geeignete Erklärung für die Ausschreitungen gegen Juden. Der Historiker Roland Flade schreibt:

„Zwar gibt es sicher Teilnehmer an den Pogromen, die sich einen unmittelbaren Vorteil vom Tod der Geldverleiher erwarteten. Die überwiegende Mehrheit der Mitwirkenden dürften aber allgemein religiöse oder in der Welt des Aberglaubens angesiedelte Motive antreiben.“

Ein Beleg dafür ist die schwankende Haltung der Würzburger Bürgerschaft, die vermutlich keinen Grund hatten, die Juden aus dem Weg zu schaffen. Erst die nahende Ankunft der fanatischen Geißlerscharen vor den Toren Würzburgs gab den Anstoß zur Ermordung der Würzburger Juden.

Es bleiben also vor allem Unwissen, Aberglauben und Vorurteile als Ursachen für die Judenverfolgungen im Mittelalters übrig. Die Christen brachten ihren jüdischen Mitbürgern im Mittelalter neu aufgekommene und anschließend jahrhundertelang tradierte Vorurteile entgegen, in erster Linie der Verdacht der Hostienschändung, des Ritualmordes und der Brunnenvergiftung. Der angeblich jüdische Wucher spielte daneben eine deutlich geringere Rolle.

Verwendete Literatur:

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