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Die Merowinger und ihre Herrschaft über das Frankenreich

Die Merowinger sind das älteste Königsgeschlecht der Franken. Als Stammvater der Merowinger gilt der sagenhafte König Merowech. Der erfolgreichste Merowinger war Chlodwig, der von 482 bis 511 herrschte und ein Reich schuf, das trotz mehrerer Teilungen die Jahrhunderte überdauern sollte. Mit seinem Übertritt zum Katholizismus sorgte Chlodwig für eine Annäherung verschiedener Bevölkerungsgruppen und somit für Stabilität im Reich. Ab 639 kam es allmählich zum Niedergang der Merowinger und die Hausmeier aus dem Geschlecht der Pippiniden etablierten sich als Herrscher, die später nach Karl dem Großen Karolinger genannt wurden.

Der Ursprung der Franken und der Merowinger

Über die Herkunft der Franken schreibt Gregor von Tours Ende des 6. Jh., die Franken seien aus Pannonien (heute Westungarn) gekommen, hätten sich am Rhein niedergelassen, seien danach über den Rhein in das (heute unbekannte) Thoringien gezogen und hätten sich aus ihrem edelsten Geschlecht Könige gegeben. Fredegar stellt im 7. Jh. einen Bezug zur Herkunftslegende der Römer her und schreibt, die Franken seien aus Troja gekommen und ihr erster König sei Priamus gewesen.

Beide Herkunftslegenden betrachtet Patrick Geary als Fantasieprodukte, mit denen die Franken sich aufwerten und sich als ruhmreiches Volk mit langer Tradition darstellen wollten. Der Name „Franke“ taucht zwar bereits im 3. Jh. in römischen Quellen auf, aber die Franken als Volk mit gemeinsamer Identität entstanden erst im 6. Jh. Die Franken waren ein Zusammenschluss von rheinischen Stämmen, die lange Zeit ihre unterschiedlichen Traditionen und Identitäten bewahrten. Dazu gehörten die Chamaven, Chattuarier, Brukterer, Amsivarier und Salier und vermutlich auch die Usipeter, Tubanten, Hasier und Chasuarier. Sie identifizierten sich mit dem Namen Franke, was zunächst „der Kühne“, „der Tapfere“ bedeutete und später als „der Freie“ verstanden wurde.

Tatsächlich waren die Stammesgruppen der Franken nicht frei, sondern von Rom abhängig. Die als Salier bezeichnete Gruppe wurde von den Römern in Toxandrien (heute Niederlande) angesiedelt, um die Pufferzone zwischen den zivilisierten Regionen des Reichs und den noch nicht unterworfenen barbarischen Völkern zu sichern. Viele Franken leisteten Dienst im römischen Heer. Dadurch kam es zu einer Romanisierung der Franken, vor allem der Stämme am Mittel- und Niederrhein.

Während des 5. Jh. übernahmen die Salier die Herrschaft über die Franken, wobei die Sippe des Fürsten Chlodio besonders hervorstach. Als Stammvater der Merowinger gilt allerdings Merowech, über den nur legendenhaft berichtet wird und der möglicherweise Chlodios Sohn war.

Siegelring Childerichs I.
Siegelring Childerichs I.

Der Merowinger Childerich, ein Verwandter Chlodios, herrschte von 458 oder 463 bis 481/82 über die Franken. In seinem 1653 wiederentdeckten Grab wurde ein Siegelring mit der Inschrift Childerici regis gefunden. Das dazugehörige Bildnis zeigt den König mit langen Haaren, einem wichtigen Statussymbol der Merowinger. Childerich, der stärker in der römischen als in der germanischen Tradition verhaftet war, bemühte sich um eine Stärkung seiner Position im damaligen Gallien, sowohl in der fränkischen Kriegergesellschaft als auch innerhalb der römischen Machtstrukturen. Er besaß gute Beziehungen zu den gallorömischen Bischöfen, war mit dem gallischen Heermeister Aegidius und dessen Sohn Syagrius verbündet und vermied eine Feindschaft mit den Westgoten. Dadurch ermöglichte er seinem Sohn Chlodwig den Aufstieg.

Chlodwig, der erfolgreichste Merowinger

Childerich starb 481 oder 482, als sein Sohn Chlodwig erst 16 Jahre alt war. Der Merowinger Chlodwig übernahm von seinem Vater die römische Provinz Belgica secunda, die von Reims im Nordosten Frankreichs bis zum Ärmelkanal reichte. 486/87 griff Chlodwig Syagrius an und besiegte ihn. Damit war der letzte Vertreter des Imperium Romanum in Gallien beseitigt. In der Folgezeit gewann Chlodwig weitere Gebiete zwischen Seine und Loire hinzu. Außerdem betrieb er eine geschickte Bündnis- und Heiratspolitik und verheiratete unter anderem seine Schwester Audofleda an den mächtigen Ostgotenkönig Theoderich. Chlodwig selbst heiratete Chrodechilde, eine Tochter des Burgunderkönigs Chilperich.

Chrodechilde war katholische Christin und bemühte sich, den heidnischen Chlodwig vom Christentum zu überzeugen. Laut Gregor von Tours gab Chlodwigs Sieg über die Alemannen 497/98 den Ausschlag für seine Bekehrung, da ihm angeblich der Christengott zum Sieg verholfen hatte und sich somit als der stärkere Gott erwies. Die Beschreibung Gregors ist leider die einzige Quelle, die wir haben. Gregor war Kleriker und stilisierte die Bekehrung Chlodwigs nach dem Vorbild der Bekehrung Konstantins im Jahre 313, sodass unklar ist, wie viel von seiner Beschreibung wahr ist. Die Taufe erfolgte nach einer Vorbereitungszeit vermutlich an Weihnachten des Jahres 500 durch Bischof Remigius von Reims. Zusammen mit ihm ließen sich 3000 Franken taufen.

Chlodwigs Taufe
Chlodwigs Taufe. Darstellung auf einem Elfenbein-Buchdeckel (9. Jh.).

Chlodwig trat nicht zum arianischen Christentum über, wie es viele Germanen wie z.B. die Goten getan hatten, sondern er wurde Katholik. Der Arianismus lehrte, dass Gott und Jesus nicht wesensgleich waren. Diese Ansicht war auf dem Konzil von Nicäa (325) und dem Konzil von Konstantinopel (381) als Häresie verurteilt worden. Der Merowinger Chlodwig schloss sich somit dem Glauben an, der unter den Gallorömern vorherrschte, und traf damit eine politisch kluge Entscheidung. Er vermied Spannungen mit der gallorömischen Bevölkerungsmehrheit und den Bischöfen und konnte somit die Stabilität des Reiches stärken. Außerdem war das Christentum in seiner römisch-imperialen Form zur Selbstdarstellung als Herrscher besser geeignet als die heidnische Religion der Franken.

Chlodwig führte in der Folgezeit Krieg gegen die Westgoten und Burgunder und erlangte die Herrschaft über die westgotische Königsstadt Toulouse. Darüber hinaus beseitigte er die anderen fränkischen Teilkönige. Im Jahr 508 ernannte ihn Kaiser Anastasius (491-518) zum Ehrenkonsul . Somit erkannte er die Gründung des Frankenreiches durch Chlodwig an.

Das Frankenreich unter Chlodwigs Söhnen

Der Merowinger Chlodwig starb 511. Das Reich wurde unter seinen vier Söhnen Theuderich, Chlodomer, Childebert und Chlothar aufgeteilt (Karte). Vermutlich handelte es sich bei der Reichsteilung um einen Kompromiss, der zwischen Chlodwigs Witwe Chrodechilde und ihren jungen Söhnen Chlodomer, Childebert und Chlothar auf der einen Seite und Theuderich auf der anderen Seite ausgehandelt wurde. Der Merowinger Theuderich stammte aus einer früheren Ehe Chlodwigs und war bereits ein erfolgreicher Heerführer.

Chlodomer fiel 524 in einem Krieg gegen die Burgunder. Seine Brüder Chlothar und Childebert teilten Chlodomers Landesteil unter sich auf. Dabei berücksichtigten sie auch Theuderich, der jedoch bereits 533 starb. Sein Sohn Theudebert trat sein Erbe mit Unterstützung der Großen seines Teilreichs an. Infolgedessen ergab sich eine Dreiteilung des Reiches.

Die Merowinger nutzten den Tod des Ostgotenkönigs Theoderichs 526 aus und strebten nach einer Erweiterung ihrer Territorien. Zwischen 529 und 534 unterwarfen sie das Thüringerreich und 532 das Burgunderreich. 537 besetzten sie die Provence, die ihnen der Ostgotenkönig Witigis als Gegenleistung für Waffenhilfe gegen Ostrom überlassen hatte. Theudebert gewann somit Zugang zum Mittelmeer, dem damals zentralen Wirtschaftsraum. Es gelang ihm in der Folgezeit, von den Ostgoten einen Großteil des heutigen Venetiens zu gewinnen.

Theudebert starb 547 und sein Sohn Theudoald übernahm die Herrschaft. Er starb jedoch bereits 555 ohne männlichen Erben. Chlothar heiratete Theudoalds Witwe Waldrada und trat Theudoalds Nachfolge an. Nach Childeberts Tod 558 übernahm Chlothar auch dessen Reich. Somit wurde die Reichseinheit unter Chlodwigs letztem überlebendem Sohn Chlothar vorübergehend wiederhergestellt.

Die Bruderkriege und die Herausbildung der drei Teilreiche

Chlothar I. starb 561 und hinterließ vier Söhne: Charibert, Gunthram, Sigibert und Chilperich. Sie teilten das Reich unter sich auf und hielten sich dabei überwiegend an die Grenzen von 511. Chilperich war ein Halbbruder der übrigen drei Söhne und erhielt den kleinsten Teil im Norden. Das Burgunderreich, das seit 511 neu hinzugekommen war, erhielt Gunthram. Den Reichsteil im Osten bekam Sigibert.

Charibert starb 567, ohne einen Sohn zu hinterlassen. Danach kam es vor allem zwischen Chilperich und Sigibert zu Rivalitäten. Beide wollten das gesamte Reich für sich. Zunächst setzte sich Sigibert durch, doch er wurde im Auftrag Chilperichs bzw. seiner Ehefrau ermordet. Es gelang Chilperich jedoch nicht, das Gesamtreich an sich zu bringen.

Während dieser Kämpfe zwischen den Merowingern kam es zur Ausbildung der drei fränkischen Teilreiche Austrasien, Neustrien und Burgund. Die Begriffe Auster, Austria oder Austrasia bezeichneten den Osten des Frankenreiches, Neustria den Westen (vermutlich von germanisch Niwister „Neu-Westland“). Der dritte Teil, (Franko-)Burgund, bestand im Wesentlichen aus dem alten Burgunderreich. Alle drei Teilreiche hatten Anteil an dem Kernland, der Francia, und an Aquitanien (Karte).

Der Merowinger Gunthram von Burgund adoptierte im Jahr 577 Sigiberts Sohn Childebert und setzte ihn als Erben ein. Da viele Adlige mit den ständigen Auseinandersetzungen der Merowinger unzufrieden waren, töteten sie Chilperich im Jahr 584. Seiner Ehefrau Fredegunde gelang es, Chilperichs letzten überlebenden, damals erst vier Monate alten Sohn Clothar II. als neustrischen König anerkennen zu lassen.

Als Gunthram von Burgund 592 starb, erbte sein Neffe und Adoptivsohn Childebert II. das Teilreich Burgund. Allerdings starb Childebert II. bereits 596 und sein Teilreich wurde zwischen seinen Söhnen Theudebert II. und Theuderich II. aufgeteilt. Aus den Auseinandersetzungen dieser beiden Brüder, die gegeneinander und gegen Clothar II. kämpften, ging Clothar mit Untersützung der austrasischen und frankoburgundischen Großen siegreich hervor. Clothar ließ Theuderichs Söhne (bis auf sein Patenkind Merowech) und Brunichilde töten. Durch den Erfolg des Merowingers Clothar war das Frankenreich nun seit 50 Jahren erstmals wieder unter einem Herrscher vereint.

Die Gewalttätigkeiten innerhalb der Sippe der Merowinger erklärt Edith Ennen wie folgt:

Was uns bei den Merowingern als Gewalttätigkeit und Zuchtlosigkeit erschreckt, erklärt sich aus der Übergangssituation, in der sie sich befinden: herausgerissen aus alten Bindungen, plötzlich reich geworden, Herren über eine ihnen fremde Welt, gewohnt sich selbst zu helfen, von staatlichen Institutionen noch nicht diszipliniert, noch einem magischen Weltbild verhaftet.

Clothar II. und Dagobert

Der Merowinger Clothar II. verhandelte 614 in Paris mit den geistlichen und weltlichen Großen des Reiches. Die Ergebnisse der Verhandlungen veröffentlichte er im Edictum Clotharii. Clothars wichtigstes Ziel war, Frieden und Rechtssicherheit herzustellen. Als bedeutendste Bestimmung in seinem Edikt gilt, dass ein Richter aus der Region stammen musste, in der er sein Amt ausübte. Damit sollte garantiert werden, dass man ihn bei unkorrekten Handlungen zur Rechenschaft ziehen konnte. Weiterhin gestand Clothar Austrasien, Neustrien und Burgund je einen eigenen Hausmeier zu, womit eine gewisse Eigenständigkeit der Teilreiche verbunden war. Hausmeier (maior domus) war das wichtigste Hofamt bei den Merowingern. Der Hausmeier leitete die Verwaltung des königlichen Hofes und bestimmte, wer Zugang zum König erhielt.

Goldmünze Chlothars II.
Goldmünze Chlothars II.

Clothars Sohn Dagobert wurde 623/24 König von Austrasien, da die austrasischen Großen dies gefordert hatten. Sie erhofften sich dadurch einen direkteren Zugang zu König Clothar. Nach dem Tod Clothars II. wurde der Merowinger Dagobert Alleinherrscher.

Der Niedergang der Merowinger und der Aufstieg der Hausmeier

Dagobert starb 639 und das Frankenreich wurde geteilt. In Austrasien herrschte formal Dagoberts minderjähriger Sohn Sigibert III. Die Regentschaft übte für ihn der Hausmeier Pippin (der Ältere) aus. In Neustrien regierten der Hausmeier Aega und die Königin Nanthild für den minderjährigen Clodwig II.

Nach Dagoberts Tod traten aus der Sippe der Merowinger keine tatkräftigen Könige mehr hervor, da viele Könige schon kurz nach Erlangen der Volljährigkeit und der Zeugung eines Sohnes starben. An ihrer Stelle regierte die Königinmutter oder der Hausmeier. In diesem Umfeld gelang den Nachkommen des Hausmeiers Pippin der Aufstieg. Aus den Pippiniden gingen später die Karolinger hervor, die nächste Königsdynastie des Frankenreiches. Die letzten Merowinger können nur noch als Schattenkönige bezeichnet werden. Der letzte Merowinger, Childerich III., der 743 formal die Herrschaft erlangte, besaß keine Macht mehr. Er wurde gezwungen, abzudanken und ins Kloster zu gehen. An seiner Stelle ließ sich Pippin der Mittlere 750/51 zum König krönen. Damit endete die Herrscherdynastie der Merowinger.

Literaturhinweise:

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