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Die Wikinger als Händler im südlichen Ostseeraum

Die Wikinger waren nicht nur Piraten, sondern sie betrieben auch Handel. Im 8. und 9. Jahrhundert entstanden in Skandinavien bedeutende Handelsplätze an verkehrsgünstig gelegenen Orten. Die wichtigsten waren Birka in Schweden, Kaupang in Norwegen und Haithabu in Dänemark. Von dort wurden Pelze, Daunen, Wachs, Honig, Walrosszähne und Sklaven exportiert. Die Wikinger selbst interessierten sich vor allem für Luxuswaren, die es im Norden nicht gab, wie Brokat aus Byzanz, Wollstoffe aus Friesland, Seide aus China, Wein aus dem Rheinland, Glas und Edelmetalle aus Franken. Ihre Handelsbeziehungen reichten weit, unter anderem nach Arabien und ins maurische Spanien. Die skandinavischen Handelsplätze wurden von einem lokalen Herrscher oder Landbesitzer gegründet und gefördert, der dann Zölle erhob und dadurch Einnahmen erzielte.

Den Schwerpunkt meines Textes bildet nicht Skandinavien, sondern das Gebiet des heutigen Deutschlands. Auch südlich der Ostsee ließen sich während der Wikingerzeit (800-1100) viele skandinavische Kaufleute nieder. Diese Region wurde damals von slawischen Stämmen beherrscht, wie den Obodriten, den Wilzen und den Ranen. Außerdem befand sich im heutigen Schleswig-Holstein das dänische Handelszentrum Haithabu.

Handelsplätze der Slawen und Wikinger

Um das Jahr 800 besiedelten Slawen die südliche und östliche Ostseeküste. Sie errichteten an dem Küstenabschnitt, der heute zu Deutschland gehört, die Handelsplätze Starigard (Oldenburg), Reric, Rostock, Menzlin und Ralswiek. In den slawischen Handelsorten lebten auch viele skandinavische Kaufleute und Handwerker. Dies zeigen archäologische Funde von Gebrauchsgegenständen, Münzen, Schmuckstücken und Waffen.

Schiffssetzungen bei Menzlin
Schiffssetzungen bei Menzlin. © Jalo – CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

In Ralswiek im Norden der Insel Rügen fanden Archäologen eine Handelssiedlung der Slawen und Wikinger, die aus 12 bis 17 Gehöften bestand. Sie war vom Ende des 8. bis zum 10. Jahrhundert bewohnt. In der Nähe der Siedlung wurden über vierhundert Grabhügel und ein Kultplatz ausgegraben. Ein Teil der Grabbeigaben gehört zum skandinavischen Kulturkreis, was darauf hindeutet, dass hier Wikinger und Slawen zusammenlebten.

An der Mündung der Peene ins Oderhaff bei dem Ort Menzlin befand sich ebenfalls eine Handelssiedlung der Slawen und Wikinger. Vermutlich war es ein Handelsort der Wilzen. Ein Gräberfeld in der Nähe enthält Steinsetzungen in Schiffsform, die typisch für die Bestattungssitten der Wikinger sind. Da unter den Bestatteten auch Frauen sind, reisten die skandinavischen Kaufleute offensichtlich nicht nur zu Markttagen an, sondern lebten hier mit ihren Familien.

Reric als Beispiel eines Handelsplatzes der Slawen und Wikinger

Mitte der 90er-Jahre fanden Archäologen bei Groß Strömkendorf an der Wismarer Bucht die Überreste eines weiteren Handelsortes der Slawen und Wikinger. Mit hoher Wahrscheinlichkeit lag hier das in den Quellen erwähnte emporium (Handelsort) Reric, das zuvor bei Alt Gaarz vermutet wurde. Aufgrund älterer Forschungsmeinungen war Alt Gaarz 1938 in Rerik umbenannt worden.

Reric ist der dänische Ortsname, er bedeutet „Röhricht“. Der slawische Name von Reric ist unbekannt. Die fränkischen Reichsannalen berichten, dass der dänische König Godofrid den Handelsort Reric im Jahr 808 zerstörte und die dortigen Kaufleute nach Haithabu umsiedelte. Dies geschah während seines Kriegszuges gegen die Abodriten, die mit den Franken verbündet waren. 809/810 ließ Godofrid schließlich den Abodritenfürsten Dražko ermorden.

Für die Lokalisierung Rerics bei Groß Strömkendorf spricht die relative Nähe zur Mecklenburg, der Hauptburg der Abodriten. Archäologen datieren die Funde bei Groß Strömkendorf im Wesentlichen auf das 8. Jahrhundert. In der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts brach die Besiedlung plötzlich ab. Dies stimmt mit den Reichsannalen überein. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass Reric sich dort befand. Ein endgültiger Beweis für die Lokalisierung bei Groß Strömkendorf lässt sich aber nicht erbringen.

Die Ausgrabungen bei Groß Strömkendorf zeigen, dass die Häuser in Reric nach slawischen, skandinavischen und sächsischen Bautraditionen errichtet wurden. Offensichtlich lebten neben Slawen und Wikingern auch Sachsen aus dem heutigen Niedersachsen in dem Handelsort. Auf dem Gräberfeld in der Nähe der Siedlung wurden typisch skandinavische Bestattungsformen gefunden, darunter Schiffsbestattungen. Von den Schiffen befanden sich nur noch die Eisennieten im Boden, die die Planken zusammenhielten. Das Holz ist im Laufe der Jahrhunderte vergangen.

Haithabu – einer der bedeutendsten dänischen Handelsorte

Das in Schleswig-Holstein am Haddebyer Noor, einer Bucht der Schlei, gelegene Haithabu gehörte zum dänischen Reich. Der Ort wurde Anfang des 8. Jahrhunderts von den Friesen gegründet. In den skandinavischen Quellen wird der Handelsort meist unter dem Namen Hedeby/Heithabyr (Ort an der Heide) erwähnt. Die fränkischen und sächsischen Autoren nennen ihn Sliasthorp und später Sliaswich (Ort an der Schlei).

Die Lage Haithabus war für den Handel ideal, da die Schlei als direkter Schifffahrtsweg in die Ostsee führt. Auch die Nordsee lag in erreichbarer Nähe, denn die Schiffe konnten über die Flüsse Eider und Treene bis Hollingstedt, 16 km westlich von Haithabu, fahren. Das kurze Wegstück über Land wurde mit Fuhrwerken oder Packtieren bewältigt. Somit bildete der Weg über Haithabu eine Möglichkeit für den Warenaustausch zwischen Nord- und Ostsee, der den Kaufleuten den langen und gefährlichen Weg um die Nordspitze Jütlands ersparte.

Laut den Fränkischen Reichsannalen kam es erst durch die Zerstörung Rerics zum Aufstieg Haithabus zu einem der bedeutendsten dänischen Handelsorte. Im Jahr 808 habe der Dänenkönig Godfred (Göttrik) Reric zerstören lassen und die Kaufleute nach Haithabu gebracht. Daraufhin ließen sich weitere Händler und Handwerker in Haithabu nieder, sodass sich eine stadtartige Siedlung entwickelte.

Wikingerhäuser bei Haithabu
Wikingerhäuser bei Haithabu. © Kai-Erik Ballak – CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Im 10. Jahrhundert wurde der Handelsplatz mit einem Wall umgeben, der zum Wasser hin offen war und ein Gebiet von knapp 25 Hektar umschloss. Dort lebten 1000 oder mehr Menschen, für damalige Verhältnisse eine hohe Einwohnerzahl.

Die Bevölkerung bestand aus Friesen, Dänen, Schweden, Norwegern, Sachsen, Franken und Slawen. Handwerker gingen dort ihren Berufen nach und verkauften ihre Erzeugnisse. Nachgewiesen ist die Anwesenheit von Kammmachern, Schustern, Schmieden, Bronzegießern, Töpfern, Bernsteinschleifern, Glasperlenmachern und Schiffszimmerleuten. Dennoch war Haithabu keine sehr reiche Stadt. Prachtbauten konnten dort nicht nachgewiesen werden. Die meisten Gebäude waren ebenerdige Wohnhäuser mit ein bis drei Räumen.

Mitte des 11. Jahrhunderts ging Haithabu unter. 1050 wurde es bei einem Angriff des norwegischen Königs Harald des Harten niedergebrannt. Die endgültige Zerstörung erfolgte durch die Slawen im Jahr 1066.

Literaturhinweise:

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